Alaaf, wir Leben noch. Zu Karl Berbuers „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“

Karl Berbuer

Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien 

Mein lieber Freund, mein lieber Freund,
die alten Zeiten sind vorbei,
ob man da lacht, ob man da weint,
die Welt geht weiter, eins, zwei, drei.

Ein kleines Häuflein Diplomaten
macht heut die große Politik,
sie schaffen Zonen, ändern Staaten.
Und was ist hier mit uns im Augenblick?

Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!
Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!
Wir sind zwar keine Menschenfresser,
doch wir küssen um so besser.
Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!

Doch fremder Mann, damit du's weißt,
ein Trizonesier hat Humor,
er hat Kultur, er hat auch Geist,
darin macht keiner ihm was vor.

Selbst Goethe stammt aus Trizonesien,
Beethovens Wiege ist bekannt.
Nein, sowas gibt's nicht in Chinesien,
darum sind wir auch stolz auf unser Land.

Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien [...]

     [Karl Berbuer: Trizonesien Song. Polydor 1948.]

Zu Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien (1948) von Karl Berbuer wurde schon viel gesagt und geschrieben. Der Hit des ersten Kölner Karnevals nach Ende des Zweiten Weltkrieges gehört zu den Stimmungsschlagern von damals, die sich auch über die närrische Zeit hinaus behaupten konnten und seither bekannt und beliebt blieben. Wer das Lied nicht aus dem Fasching kennt, könnte es im Geschichtsunterricht oder in Dokumentation über die Gründungsphase der BRD und die deutsch-deutsche Teilung gehört haben. Geschichtsdidaktiker empfehlen seinen Einsatz „als Spiegel der Mentalitäts- und Politikgeschichte 1948“ (Urbach, Dirk: „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien.“ In: Praxis Geschichte 17 [2004] 5, S. 26-30). Schließlich war es ja auch einmal eine Art Nationalhymne: da die erste Strophe des Deutschlandlieds 1945 verboten und die dritte Strophe erst wieder 1952 offiziell gesungen wurde, spielte man in der Zeit dazwischen bei gegebenen Anlässen auf westdeutscher Seite Beethovens Ode an die Freude (als gemeinsames Musikstück für die gesamtdeutschen Mannschaften bei den Olympischen Spielen bis 1964), Heidewitzka, Herr Kapitän (aus dem Jahre 1936 ebenfalls von Karl Berbuer) oder eben besagtes Trizonesien-Lied (beispielsweise beim Sechs-Tagerennen in der Kölner Sporthalle 1949).

In Verbindung gesetzt wurde Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien mittlerweile u.a. mit einem Artikel der Times Anfang 1949, in dem es um die neue Aufmüpfigkeit der Deutschen ging (Kölner Stadtanzeiger). Der Karnevalsschlager und sein Anklang beim Publikum wird als Ausdruck eines gewissen neuen Selbstbewusstseins gesehen. Die Mitsingenden waren wieder lauthals „stolz auf unser Land“. Man kann das Lied entsprechend als einen Schritt Richtung Normalität ansehen, als der „in Selbstironie verpackte Wunsch, die nationale Isolation zu überwinden“ (Probst: Zur psychologischen Funktion des Karnevalsschlagers. In: Rheinischer Karneval. Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde, Jg. 23 (1978), S. 38 ); oder man betrachtet es als „infam(e) und perfide“ (Heni: „Trizonesien“ revisited, oder 60 Jahre sekundärer Antisemitismus in Köln) Beleidigungen gegenüber den Opfern des Weltkriegs und des Holocausts, als wiederbelebter Revanchismus und „sekundärer Antisemitsmus“ (ebd.).

Gemäß zweiter Lesart lässt sich die Refrainzeile „Wir sind zwar keine Menschenfresser“ mit damals kaum vier Jahre zurückliegenden Gräueltaten kontrastieren. Demnach müsste es heißen: „Wir sind zwar keine Menschenfresser, aber wir haben Millionen Menschen umgebracht.“ (Ritzel: Was ist aus uns geworden? Ein Häufchen Sand am Meer). Stattdessen wird auf das Küssen verwiesen. Hier lässt sich jene Flucht in die Harmlosigkeit erkennen, die dann auch die seichten Liebeskomödien und Heimatfilme der 1950er Jahre prägt. Was die Deutschen tatsächlich mit „Eingeborenen“ ,„indigenen Völkern“ oder „Ureinwohnern“ verbindet, sind die „Mägdelein mit feurig wildem Wesien“, dazu noch das ausgelassene Tanzen zu „Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm“. Die „Menschenfresser“, leben woanders, nämlich in „Chinesien“, Polynesien oder Indonesien, bzw. in den althergebrachten Vorurteilen gegenüber diesen Ländern.

Nun, da die„alten Zeiten […] vorbei“ sind, müssen sich die Deutschen freilich selbst zu den Kolonialisierten zählen. Die Alliierten besetzen das Land und ein „kleines Häuflein Diplomaten macht heut die große Politik“, die, so könnte man ergänzen, jetzt nicht mehr von einem „Größten Feldherrn aller Zeiten“ und noch nicht von den großen Figuren des demokratischen Neubeginns in Europa, etwa Adenauer oder de Gaulle, geprägt wird. Die ersten beiden Strophen fassen diese Phase des Übergangs zusammen. Es ist viel geschehen, es hat sich viel verändert, doch „die Welt geht weiter, eins, zwei, drei“. Man mag in einer solchen Formulierung Zarah Leanders „Durchhalteschlager“ (Die Welt) Davon geht die Welt nicht unter (1942) oder den Titel des letzten filmischen NS-Propagandaversuchs Das Leben geht weiter (1945) nachklingen hören, tatsächlich heißt es in Bully Buhlans ebenfalls 1948 entstandenem Ich hab so Heimweh nach dem Kurfürstendamm (wohl noch ein wenig bekannter in der Version von Hildegard Knef) ähnlich lakonisch: „Aus Glück wurde Pech und aus Pech wurde Glück, solange die Welt sich dreht“. Sätze wie „Hurra, wir leben noch“ wurden zu charakteristischen Slogans des Neuanfangs.

Mit den Strophen drei und vier wird sich gegenüber jenen positioniert, die in den neuen Zeiten als „fremder Mann“ in Trizonesien auftreten. Die Besatzungsmächte sollen wissen, dass der Deutsche „Humor“, „Kultur“ und „Geist“ besitzt. Obschon eben diese Eigenschaften in den zurückliegenden Jahren etwas vernachlässigt wurden, zeigt man sich selbstsicher: „darin macht keiner ihm was vor“. Zum Beleg werden „Goethe“ und „Beethoven“ angeführt (auf diese beiden „Weltwerte“ „aus dem deutschen Mutterboden“ bezog sich im September 1949 auch der neugewählte Bundespräsident Theodor Heuss in seiner Antrittsrede, vgl. Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann. Tübingen 1965, S. 91). Der Verweis auf die Klassiker beschwört gegenüber der Zäsur 1945 eine nationale Kontinuität und entspricht ganz dem „Goethe-Kult“ (vgl. etwa Klaus Schwab: Zum Goethe-Kult. In: Zur literarischen Situation 1945-1949. Hg. v. Gerhard Hay. Kronberg 1977, S. 240-251) sowie der bruchlosen Beethoven-Verehrung jener Tage. Während sich die Überlegenheit des deutschen Volkes nicht mehr militärisch oder wirtschaftlich manifestiert, kann man kulturell noch etwas präsentieren, was es „nicht in Chinesien“ gäbe.

So betrachtet erscheint Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien tatsächlich als eine äußerst aufschlussreiche Reflexion der Zeit zwischen Weltkriegsende und Wirtschaftswunder – und zwar nicht nur, weil der Text das „Entscheidungsjahr“ 1948, die Bildung der Trizone und die fortschreitende deutsche Teilung dokumentiert. Es geht um „uns“ (alle), „hier“ (in Westdeutschland), „im Augenblick“ (kurz nach der „Stunde Null“), es ist der Versuch einer Standortbestimmung in Zeiten des Umbruchs. Im Narrenkleid bot sich die Möglichkeit einer freizügigeren Artikulation unterdrückter Themen, Haltungen, Stimmungen und letztlich auch Wünsche. Es offenbaren sich recht desorientierte Deutsche, die das alte Denken noch nicht gänzlich ablegen konnten, Geschehenes verdrängen, Gegenwärtiges überwinden und nebenbei auch eine neue nationale Identität stiften wollen.

Martin Georg Kraus, Bamberg

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3 Responses to Alaaf, wir Leben noch. Zu Karl Berbuers „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“

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