Es geht nicht um die Bundeswehr. Zu „Gloria“ von Joachim Witt

Joachim Witt

Gloria

Die Welt verändert sich 
Ich seh mein Herz, wie’s auseinander bricht 
Die Zeit steht still 
So weit entfernt von dir 
Es war für immer, doch jetzt fehlst du hier 
Die Zeit steht still

1000 Straßen hinter mir 
Es führt kein Weg zurück zu dir

Gloria – Engel singen Lieder 
Gloria – Mein Kopf ist nur bei dir 
Gloria – Aber du bist nicht mehr da 
Immer, immer wieder 
Gloria – Ich kann dich nicht vergessen 
Gloria – Ein verlorenes Lächeln 
Gloria – Der Himmel war zum Greifen nah

Der Wind streicht übers Meer 
Hör deine Stimme noch so nah bei mir 
Die Zeit, sie steht 
Nur noch ein ferner Traum 
Kann mich erinnern 
Wir wollten Göttern gleich Welten bauen

1000 Straßen noch zu gehen 
Ich weiß, ich werd dich wiedersehen

Ich seh dich ständig vor mir und ich weiß 
Dass es vorüber ist 
Ich trag dein Bild noch bei mir 
Doch die ganze Welt verändert sich

     [Joachim Witt: Dom. Columbia SevenOne Music 2012.]

Dass es, wenn man eine Vergewaltigung durch Soldaten mit deutschen Hoheitsabzeichen ins Bild setzt, zu kritischen Reaktionen kommt, ist zu erwarten, sind doch Militärangehörige traditionell auch außerhalb der Armee gut organisiert (Veteranenverbände etc.) und ist unter ihnen eine ausgeprägte Auffassung von der ihrem Beruf zustehenden Wertschätzung verbreitet. Hinzu kommt, dass in letzter Zeit schon Skepsis gegenüber der Sinnhaftigkeit von Bundeswehreinsätzen im Ausland als „Disrespect“ (Till Schweiger zu Roger Willemsen) gegenüber den Soldaten verurteilt werden. Dass sich unter den kritischen Äußerungen gegen Joachim Witt Morddrohungen finden, war wohl leider auch zu erwarten, wenn man die Radikalisierung von Kritik im Rahmen von Shit-Storms durch die Kombination aus Anonymität und Überbietungslogik berücksichtigt.

Die Erwartbarkeit solcher Reaktionen darf indes nicht dazu führen, Verständnis für die Täter, die einen Menschen, weil er ein Musikvideo veröffentlich hat, mit dem Tode bedrohen, aufzubringen, und dem Opfer die Schuld daran zu geben. Doch genau das ist bislang vielfach geschehen. Dass der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, erst zum Protest aufruft („Ich kann nur dazu raten, den Unmut gegenüber Witt in dessen Facebook-Auftritt deutlich zu machen. Er möchte ja den offenen Dialog. Den sollte er dann auch bekommen.“) und dann nicht damit gerechnet haben will, dass unter den vielen Beleidigungen auch Morddrohungen sind (Einige Kommentatoren hätten sich „offenbar im Ton vergriffen“, was nicht Absicht seines Verbandes gewesen sei, er „bedauere das ausdrücklich.“), ist schon problematisch genug. Dass daraufhin seitens der Politik nicht Rücktrittforderungen erhoben werden, sondern dass vielmehr das Bundesfamilienministerium bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien eine Indizierung beantragt und damit all jenen, die Witt bedrohen, das Gefühl gibt, zumindest in der Sache richtig zu liegen, ist ebenfalls mindestens unglücklich. Dass aber schließlich nach Bekanntwerden der Morddrohungen auch eher liberale Medien (u. a. Spiegel online, Süddeutsche Zeitung, die Sendung  Zündfunk im BR), statt die Kunstfreiheit zu verteidigen, Witt, ohne sich die Mühe zu machen, näher auf Lied und Video einzugehen, politisch wie (durchaus nachvollziehbarerweise, nur eben angesichts der Bedrohung Witts moralisch nicht angebracht) ästhetisch kritisieren, bedarf dann tatsächlich einer Erklärung.

Man stelle sich vor, ein renommierter Tanztheaterregisseur hätte den Inhalt von Witts Video auf die Bühne gebracht. Wenn es überhaupt zu so massiver Kritik gekommen wäre, dann hätte spätestens die Nachricht von den Morddrohungen wohl zu einer breiten Solidarisierung in den Feuilletons geführt. Es geht also offenbar nicht nur darum, dass Bundeswehrsoldaten nicht bei einem Verbrechen gezeigt werden dürfen, sondern auch darum, in welchem Medium dies ggf. geschehen darf. Und offenbar ist dabei die Meinung verbreitet, dass in einem Musikvideo Entsprechendes unter keinen Umständen gezeigt werden dürfe.

Denn selbst wenn man sich das Video stumm anschaut, kann man kaum zu dem Schluss kommen, hier solle die These verbreitet werden, Bundeswehrsoldaten seien generell Vergewaltiger und Mörder. Selbst innerhalb der entsprechenden Episode des  Videos ist die Instanz, aus deren Perspektive das Geschehen vermittelt wird, ein eben nicht am Verbrechen beteiligter Bundeswehrsoldat, der zudem, als er begreift, dass wohl auch ein Mädchen, das die Vergewaltigung beobachtet hat, ermordet worden ist, den Blick schreiend zum Himmel wendet, woraufhin ihm Flügel wachsen. Damit wäre man beim nächsten Punkt, ab dem die These einer generalisierenden Realitätsreferenz des Videos schwer haltbar wird: Noch zwei weitere Engel, einer davon mit drei Augen und vier Flügeln, tauchen im weiteren Verlauf des Videos auf, eine atomare Explosion findet statt, und schließlich schreitet eine durch die Berglandschaft wandelnde Prozession mit einer Blut weinenden Madonnenstatue in einen Fluss, in dem sie verschwindet. Nichts im restlichen Video ist also realistisch. Wieso sollte dann ausgerechnet die Vergewaltigungsepisode den Anspruch erheben, Realität abzubilden?

Bezieht man noch den Liedtext ein und versucht, eine Verbindung zu den Bildern des Videos herzustellen, so erweist sich das Gesamtkunstwerk als hermeneutische, keineswegs aber als politische Provokation. Einzelne Motive des Textes (Erschütterung, Engel) werden im Video zwar aufgenommen; jedoch bleibt die Frage, in welchem Bezug die Themen Krieg, Umweltverschmutzung und Religion zu den Themen des Textes – Liebe und Abschied – stehen. Erst wenn man hier zu einer überzeugenden These käme, die eine Beleidigung von Bundeswehrsoldaten implizieren würde, und zudem belegen könnte, dass andere Interpretationen unplausibel seien, ließe sich in einer freiheitlichen Diskussionskultur Kritik sinnvoll vorbringen. Alles andere kommt der Forderung nach einem Tabu im ursprünglichen Sinne gleich, danach also, dass ein bestimmter Gegenstand – die Bundeswehr – als so ‚heilig‘ zu erachten sei, dass sie gar nicht durch die Berührung mit Abstoßendem ‚beschmutzt‘ werden dürfe.

Eine mögliche Erklärung dafür, dass eine differenzierte Auseinandersetzung hier offenbar nicht nur von denjenigen, die in Nachrichten an Joachim Witt ihre sadistischen Phantasien offenlegen, sondern auch von darüber berichtenden Journalisten für unnötig erachtet wird, könnte in der nach wie vor bestehenden Geringschätzung von Popmusik als Kunstform liegen: Während sie der politischen Rechten schon immer als triebmobilisierende und damit jugendverderbende Hottentottenmusik galt, steht sie von links unter dem Verdacht, als Produkt der Kulturindustrie die Bevölkerung von den wichtigen Fragen abzulenken. Wenn Witts Video nun als ästhetisch minderwertig und als billiger Marketingtrick kritisiert wird, sind sich hier einmal beide Seiten einig. Das macht einmal mehr deutlich: Popmusik mag kommerziell längst alle Konkurrenten hinter sich gelassen haben; gesellschaftspolitisch braucht sie immer noch Fürsprecher – und es wäre eine schöne Ironie der Geschichte, wenn ausgerechnet die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien diese Rolle übernehmen und den Indizierungsantrag ablehnen würde.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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4 Responses to Es geht nicht um die Bundeswehr. Zu „Gloria“ von Joachim Witt

  1. Anonymus says:

    Martin Rehfeldt hat recht.

  2. Name says:

    Joachim Wirr ist ein großartiger Künstler, Performer und Gesellschaftskritiker. Wir brauchen mehr Menschen wie Witt die nicht nur tadellos zusehen sondern eingreifen wenn die Bundeswehr mordet und vergewaltigt.

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