Die Entfesselung erotischen und poetischen Grauens: „M&F“ von den Ärzten

Die Ärzte

M&F

Man sieht sie gern am Wochenende:
Sportlich moderne Herrn mit heißem Blick.
Sie zerren frisch gestrichene Damen
Auf die Tanzflächen der Republik.

Das Balzverhalten erwachsener Menschen
Ist interessanter, als so mancher glaubt.
Von Brusthaartoupet bis Botoxmaske –
Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt.

Männer und Frauen sind das nackte Grauen,
Wie sie sich stundenlang tief in die Augen schauen
Und die Frauen andern Frauen ihre Männer klauen
Und die Männer an den Frauen ihren Frust abbauen.

Denn Männern und Frauen ist zuzutrauen,
Dass sie sich gegenseitig gerne die Nacht versauen,
Wenn sie schmachten bis zum Morgengrauen
Und dann doch wieder allein nach Haus abhauen.

Sie liegen schon mittags in den Büschen,
Nachts kann man kaum noch durch den Stadtpark gehen.
Romantische Schwärmer nennen es Liebe, (ich würde sagen:)
Hier kann man Hormone bei der Arbeit sehen.

Und wenn sie die Beleuchtung dimm'n
Eine Nation im Stangenfieber.
Im Frühling ist's besonders schlimm,
Darum ist mir der Winter einfach lieber.

Denn Männer und Frauen sind das nackte Grauen,
Wie sie sich stundenlang tief in die Augen schauen
Und die Frauen andern Frauen ihre Männer klauen
Und die Männer sowieso nur Häuser bauen

Manche Männer lieben Männer, manche Frauen eben Frauen.
Da gibt's nix zu bedauern und nix zu staunen.
Das ist genau so normal wie Kaugummi kauen,
Doch die meisten werden sich das niemals trauen.

     [Die Ärzte: Auch. Hot Action 2012.]

M&F von den Ärzten ist in diesen Tagen einer der meistgespielten Radiohits. Dem entsprechend liegt der Song auch bei der Konkurrenz um den künstlerisch nicht ganz unbedenklichen Titel des heurigen ,Wiesn-Hits’ nicht schlecht im Rennen, wobei sich die Gründe des Erfolges schnell aufzählen lassen: Der Titel besitzt einen flotten, um nicht zu sagen ,schmissigen’ Rhythmus, worauf sich gut tanzen lässt, den man aber auch (sofern eine unaufwändigere Körperbetätigung bevorzugt wird) leicht mitklatschen kann. Die Refrainstrophe ist schnell memorierbar und insofern gut mitzusingen. Der Text kommt, wie man es von seinen Urhebern (in erhöhtem Maße Verantwortung trägt Farin Urlaub) auch erwarten darf, einigermaßen witzig und ironisch daher, zumindest auf den ersten Blick. Zum ,Witz’ trägt die Reimstruktur das ihrige bei, indem die Refrainstrophen und die diesen folgenden Vierzeiler penetrant Reime auf “-auen” einsetzen, womit die Ärzte wider den Stachel einer in alter wie neuer Lyrik (z.B. im Rap) verbreiteten Konvention löcken. (Binnenreime und lautliche Assonanzen auf “-auen” verstärken noch diesen Effekt!)

Auf den zweiten Blick bzw. aufs zweite Anhören hin verblassen Ironie und Witz allerdings im Sauseschritt. Schon das Humorpotential des gewählten Themas “Männer und Frauen” – oder expliziter formuliert: “Wie sich Männer und Frauen anbalzen und wechselseitig stressen” – hält sich bei mir in engen Grenzen, zu oft schon haben Comedians jeglicher Couleur diesen Gegenstand durch die komische Mangel gedreht, und zwar ungefähr seit Jahrhunderten. Kurz gesagt: Themenwahl Fall für Rudolf Stöbers Bartwickelmaschine. – Aber weiter im Texte! Die Ärzte stänkern hier anscheinend lustig gegen den romantisch-verkitschten Liebesglücks-Traum unserer Gesellschaft an und laden zur heilsamen Befreiung von einschlägigen Ritualen ein. Wirklich? Oder geht es nur gegen den Liebesglück-Traum einer kleinen Teilgruppe von “sportlich modernen Herrn” und “frisch gestrichenen Damen” mit “Brusthaartoupets” und “Botoxmasken”? Bleiben auf diese Weise zünftige Hirschlederhosen-Träger und fesche Mini-Dirndl-Maderln auf der Wiesn mit Kopfhaartoupets und Kunstnägeln in ihrem speziellen Hormonhaushalt nicht außen vor? Ich glaube schon, genau wie Gepiercte, Tätowierte, Ausgestopfte, Skin-Optimierte etc. Irgendwo darf man sich als marketingorientierter Künstler schließlich nicht jedes Publikum vergraulen.

In der fünften Strophe gibt sich das Ich ein wenig deutlicher zu erkennen als zuvor, wenn auch nur bescheiden in Klammern; offensichtlich indigniert muss (?) es das geschlechtliche Treiben in den Büschen zur Kenntnis nehmen. Ganz glaubhaft ist das nicht, schließlich hat es sich in den ersten beiden Strophen “gern” und nicht ohne Interesse dem Studium einschlägiger Praktiken hingegeben. Nun tut es einiges dafür, das redlich erarbeitete voyeuristisches Profil zu verwischen. So distanziert sich die Sprecherinstanz von jeglicher romantischer Ader und legt statt dessen einen unverfänglichen Hauch von Max Weberschem Arbeitsethos über die laszive Szene. Das Bekenntnis der vorgeblich “Stangenfieber”-immunen Spaßbremse zum Winter klingt da natürlich nur folgerichtig. Was dann allerdings überhaupt nicht mehr zum bislang Vorgetragenen passt, ist die letzte Strophe, die ziemlich abrupt vom widrigen Feld heterosexueller Anmache ins Paradiesgärtlein homosexueller Liebe hopst:

29        Manche Männer lieben Männer, manche Frauen eben Frauen.
30        Da gibt’s nix zu bedauern und nix zu staunen.
31        Das ist genau so normal wie Kaugummi kauen,
32        Doch die meisten werden sich das niemals trauen.

Vers 29 bricht eines der strengsten Tabus unserer Gesellschaft, indem er konstatiert, dass es unter Männern und Frauen auch homoerotische Gefühle gibt. Nein! Das nenne ich ,Traute’, so etwas öffentlich auszusprechen! In den Folgeversen mutiert die sich bislang als Ironiker gerierende Sprecherinstanz Mr.-Hyde-artig zur schulmeisterlichen Autorität, die das Publikum quasi mit erhobenem Zeigefinger belehrt, dass Homosexualität für die davon Befallenen nicht wirklich schlimm sei, sondern so normal wie „Kaugummi kauen“. Aber wer kaut schon Kaugummi, zumal das zwar weniger die Zähne beeinträchtig (wie vor 60 Jahren Lehrmeinung war), wohl aber auf Kiefergelenke, Magensäurehaushalt und Fußböden negative Auswirkungen hat? Will sagen: schiefer Vergleich. Vers 32 setzt dann endgültig die poetische Götterdämmerung ins Werk: Dem brutalen Zwang unterworfen, das einzig noch verfügbare Reimwort auf „-auen“ irgendwie im Text unterzubringen, findet die Sprecherinstanz den rettenden Gedanken, dass sich M&F im Grunde mehrheitlich danach sehnten, dem heterosexuellen Stress in die seligen Harmonie-Gefilde der gleichgeschlechtlichen Liebe zu entkommen, sich aber nicht trauten. Diese Feiglinge! Vielleicht könnten sie ja schon mal anfangen, mit Kaugummis zu trainieren …

Hans-Peter Ecker, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

3 Responses to Die Entfesselung erotischen und poetischen Grauens: „M&F“ von den Ärzten

  1. picknicker says:

    Interessante Interpretation. Man könnte dieselbe Aussage an einigen Stellen allerdings auch in verständlicheren Worten treffen. Das würde den Autor vielleicht weniger intelligent wirken lassen, dafür könnten mehr Menschen mehr Inhalt des Artikels verstehen.

  2. S. Müller says:

    Der Liedtext ist die totale Pervertierung der alten Werte: Traditionelle, romatische Hetero-Beziehungen werden verunglimpft. Aber die Homosexualität wird verharmlost.
    „Die Ärzte“ sollten sich für dieses Lied schämen!!!

    • Sehr geehrter Herr Müller,

      haben Sie vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser erleichtert es mir, ein lang gehegtes Vorhaben umzusetzen, nämlich Die Ärzte gegen die von Hans-Peter Ecker im Artikel geäußerte Kritik in Schutz zu nehmen, es sich einfach zu machen, indem sie längst sperrangelweit offen stehende gesellschaftliche Türen einrennen würden, wenn sie Homosexualität als unspektakuläre Normalität einstufen. Denn Ihr Kommentar beweist, dass es offenbar nach wie vor nicht selbstverständlich ist, die Tatsache anzuerkennen, dass Homosexualität in der Natur ebenso vorkommt wie Heterosexualität, nur eben statistisch seltener, wie z.B. auch manche Haarfarben verbreiteter sind als andere.
      Was Sie mit den „alten Werten“ meinen, kann ich mir recht gut vorstellen; was man aber Ihrer Meinung nach an Homosexualität ‚verharmlosen‘ kann bzw. worin die mit ihrer Formulierung implizierten Gefahren von Homosexualität liegen sollen, würde ich gerne von Ihnen erfahren.

      Bis dahin freundliche Grüße,

      Martin Rehfeldt

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