Volksmusik gegen Volksmusik. Zu „Jodelhorrormonstershow“ der Biermösl Blosn

Biermösl Blosn

Jodelhorrormonstershow

I lieg auf meinem Kanapee und schlaf scho hoibat ei,
auf oamoi hör i ein Geräusch und denk des konn net sei,
denn wos i aufm Bildschirm siehg is wirklich ultrahart,
des is eine Begegnung der unheimlichsten Art!
A superblonde Barbiepuppn singt das Kufsteinlied,
drei Larven in am Heidi-Dirndl schunkeln zünftig mit,
ein Silberfisch im Trachtenanzug moderiert fidel:
"Und nun ihr lieben Leutl: Marianne und Michael!"

Hollaradiri, hollaradiho, das ist die Jodelhorrormonstershow!
Hollaradiri, hollaradiho, das ist die Jodelhorrormonstershow!

Zehntausend Zombis klatschn, a Bloskapoin marschiert,
mei Opa und mei Oma san total hypnotisiert,
die Schrankwand fangt zum Schunkeln o, es is ein Höllengraus!
Vom Fernseher do kriacht jetz da Musikantenstadl raus.
Maria und Margot Hellwig gehn aufn Opa los, 
da Moik, der sitzt beim Alpenglühn da Oma aufm Schoß.
D' Lolita deut aufs Kanapee: "Auf gehts, den pack ma glei!"
Jetzt haun s' ma im Dreivierteltakt an Jodeleinlauf rei!

Hollaradiri, hollaradiho, das ist die Jodelhorrormonstershow!
Hollaradiri, hollaradiho, das ist die Jodelhorrormonstershow!

Mit allerletzter Kraft schoit i aufs Dritte um,
vorbei der Jodelalptraum, i denk der Spuk is um.
Do siehg i in da Rundschau Gestalten glatt und fett,
getarnt im Trachtenanzug, ein Gruselkabinett:
Da Waigel und da Gauweiler, da Stoiber und da Dick
de fensterln hint beim Schönhuber mit weißblauer Musik.
Da Franzl macht sei Fenster auf und hebt die Hand zum Gruß,
jetzt singa's mitanand: "Schwarzbraun ist die Haselnuß".

Hollaradiri, hollaradiho, das ist die Jodelhorrormonstershow!
Hollaradiri, hollaradiho, das ist die Jodelhorrormonstershow!

     [Biermösl Blosn: Jodelhorrormonstershow. Mood 1991.]

Jodelhorrormonstershow erschien 1991 als fünftes Album der Biermösl Blosn, das namensgebende Lied ist als Volksmusiksatire zu verstehen: Die Kritik der „Volksmusikrebellen“ (Nordbayerische Nachrichten) richtet sich gegen die medial vermarktete Volksmusik, den „Stadlkitsch“ (über ihre Haltung hierzu kann man u.a. auf der noch gemeinsam betriebenen Homepage der Well-Brüder Eine persönliche Standortbestimmung in Sachen Volksmusik von Hans Well lesen). Das in den drei Strophen entworfene Bild ist eindeutig überzeichnet, dennoch mag man darin Wirklichkeit wiederfinden.

Passend zum satiretypisch fließenden Übergang zwischen Tatsächlichem und Verzerrtem beginnt das Sprecher-Ich seine Erzählung auf dem Sofa liegend kurz vor dem Einschlafen. Das ist die klassische Fernseh- zugleich aber eine ebenso klassische Ausgangssituation surrealer Erlebnisse. Entsprechend hört man im Folgenden von einer „Begegnung der unheimlichsten Art“, zumindest jedoch ist das, was da flimmert, jugendsprachlich formuliert „ultrahart“. Der junge Zuschauer sitzt nicht allein vor dem Bildschirm, sondern konsumiert die für eine ältere Zielgruppe konzipierte Abendunterhaltung zusammen mit seinen Großeltern. Seine Eindrücke beschreibt er freilich in Worten und mit Referenzen, die weder seinem Opa noch seiner Oma einfallen würden: er bezieht sich auf Barbie, Heidi, Zombies und The Rocky Horror Picture Show.

Er sieht eine „superblonde Barbiepuppn“, ein wandelndes Klischee also, das noch eine weiteres, nämlich folkloristisches Klischee bedient, indem es das berühmten Kufstein-Lied intoniert. Analog zeigen sich die Begleittänzerinnen im „Heidi-Dirndl“. Die Auftretenden agieren, wie es sich gemäß der Programmatik einer Volksmusikshow gebührt, „zünftig“ und „fidel“. Die Dynamik solcher Sendungen resultiert daraus, dass sie ständig „schunkeln“, „marschieren“ und gelegentlich ein „Hollaradiri“ jodeln. Das Publikum ist dieser Bild- und Tonflut scheinbar willenlos ausgeliefert: im Saal klatschen „Zombies“, vor dem Bildschirm sind die Großeltern „total hypnotisiert“.

Wesentlich bestimmt wird das schaurige Szenario durch „Marianne und Michael“, „Maria und Margot Hellwig“ sowie Karl „Moik“, also durch die großen Branchenberühmtheiten, die eben die allgemeine Wahrnehmung der Volksmusik über Jahrzehnte bestimmten (erwähnte Lolita führte, nachdem sie vor allem Ende der 1950er und Anfang der 60er als Sängerin erfolgreich war, in den 70er Jahren durch eine Volksmusiksendung des ZDFs). Sie alle reden – „nun ihr lieben Leutl“ – in einer durch Elemente des bairischen Dialekts angereicherten Kunstsprache, demgegenüber spricht das Sprecher-Ich Dialekt. Sie alle rücken bedrohlich nahe: Aus Sicht des Sprecher-Ichs verschwimmt der Unterschied zwischen Geselligkeit und Aufdringlichkeit auf das Unangenehmste: „da Moik, der sitzt beim Alpenglühn da Oma aufm Schoß“, ein „Jodeleinlauf“ wird verabreicht. Wiederholt erklingt im Refrain das penetrante „Hollaradiri, hollaradiho“, dazu ein genauso penetrantes Kuhglockenläuten.

Für Texte der Biermösl Blosn nicht untypisch wird in der dritten Strophe schließlich Bezug auf die (bayerische) Politik genommen. Der „Jodelalptraum“ setzt sich in einem andern Fernsehprogramm, dem des Bayerischen Rundfunks, fort: Auch in der Nachrichtensendung „Rundschau“ schlägt dem Sprecher-Ich Folkloristisches entgegen, auch die bayerischen Politiker zeigen sich um ein öffentliches Auftreten gemäß (alt-)bairischer Tradition bemüht. Durch Trachtenanzüge soll der seit Jahrzehnten forcierten „Identifikation von Bayern und CSU“ Ausdruck verliehen werden. Konkret machen die partei- und freistaatführenden Figuren (zur Monstershow passend als „Gruselkabinett“ bezeichnet) hier dem damaligen Vorsitzenden der Republikaner nach bairischem Brauch den Hof, sie „fensterln hint beim Schönhuber“. Wenn der rechte Politiker daraufhin seine „Hand zum Gruß“ hebt und im parteiübergreifenden Chor das politisch belastete Volkslied Schwarzbraun ist die Haselnuss (vgl. Barbara Book: „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich“ – Nachforschungen zu einem umstrittenen Volkslied) angestimmt wird, verdichtet sich das satirische Bild (in späteren Versionen wurde der bayerische Umweltminister Alfred Dick durch den der CSU-Fraktionsvorsitzenden Alois Glück ersetzt, statt dem Republikaner Franz Schönhuber wurde der Freiheitliche Jörg Haider aktuell).

Wer sich ein ähnliches Horrorszenario totaler alpenländischer Fakelore als Film ansehen möchte, dem sei der vierte Teil der Tirol-Tourismus-Satire Piefke-Sage Die Erfüllung (1993) empfohlen. Auch diese Dystopie wird von Untoten und politisch missbrauchter Volkstümelei beherrscht. Überhaupt sind die Auswüchse der kommerziell vermarkteten Volksmusik (wie auch die Auswüchse einer allzu betont bayerischen Politik) schon recht oft zum Objekt satirischer Betrachtung geworden. Der „Musikantenstadl“ etwa wurde seit Beginn seines Bestehens praktisch ständig parodiert und persifliert (von Peter Alexander über Oliver Kalkoffe bis zu Stefan Raab oder den Darstellern der Serie switch etc.). Ein wesentlicher Unterschied zu den meisten solcher Verarbeitungen resultiert wohl aus der Perspektive. Die drei Biermösl waren und sind Volksmusikanten. Auch von einer „echten Volksmusik“ lässt sich in der bereits oben zitierten Standortbestimmung in Sachen Volksmusik lesen, vor allem lassen sie selbst seit Jahrzehnten Besseres hören. Zwar gaben die drei Well-Brüder vor gut einem Jahr die Auflösung der Biermösl Blosn bekannt. Zum Glück für die Volksmusik machen sie aber in verschiedenen Projekten weiter.

Martin Kraus, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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