Tiefbaupsychosen oder: Auf der Suche nach dem Subtext. Annäherungen an „Finger weg von meiner Paranoia“ von Element of Crime

Das Video findet sich auch  hier.

Element of Crime

Finger weg von meiner Paranoia

Siehst du, wie die Brocken unserer Heimaterde dort
Wo die Straße eine Biege macht nach Ost
Schwalbengleich im Tiefflug links und rechts
Dem großen Loch entfliehen
Wer den deutschen Tiefbau kennt kann nicht die Frechheit übersehen
Mit der die Lüge sich hier eine Schneise fräst
Sag daß ich mich irre und ich weiß auf wessen Seite du jetzt stehst.

Finger weg von meiner Paranoia
die war mir immer lieb und teuer
Nie ließ sie mich so kalt im Stich wie du
Einer hält den Spaten und zwei schauen ihm beim Halten zu

Warum hält der Zeitungsmann die Finger so gekrümmt
wenn er mir die Zigarettenschachtel gibt
und wie viele seiner Witze macht er immer nur bei mir
Was weiß er, was ich nicht weiß, und was gibt man ihm dafür
Daß er mich pünktlich jeden Morgen deprimiert
Sag daß ich verrückt bin und ich schwör dir, du kriegst eine geschmiert

Finger weg von meiner Paranoia […]

Dem Postmann mach ich nicht mal mehr im Bademantel auf
seit ich weiß, dass er für alle spioniert
Die wissen wollen was mich in meinem Leben so verdammt zufrieden macht
Und jetzt versucht er’s auf die harte Tour und wirft die Briefe nur
Noch nachdem er sie gelesen hat ins Klo
Ich kann dir das beweisen, ich hab sie noch alle irgendwo

Finger weg von meiner Paranoia […]

Daß du von allen sowieso die Allerschlimmste bist,
Das weiß ich auch ohne dass du weinst
Deine Tränen sind noch einmal richtig Öl im Feuer meiner Wut
Wer immer dich geschickt hat – sag ihm, es ist nicht so klug,
Wenn sich ein Tiefbautrupp mit Arbeitseifer tarnt.
Sag, daß ich bekloppt in, aber sag nicht, ich hätt euch nicht gewarnt.

Finger weg von meiner Paranoia […]

     [Element of Crime. Mittelpunkt der Welt. Universal 2005.]

„Stasi!“ möchte man schreien, wenn man den Text zum ersten Mal vor sich hat. Tatsächlich lassen sich im Text sprachliche Bilder finden, die diesen Schluss zulassen. Sehr offensichtlich wird dies in der dritten Strophe, in der der Postbote fremde Briefe liest und sich damit, mag man dem folgen, als Stasispitzel outet. In dieses Bild passt die Tatsache, dass bis Brocken der Heimaterde (Bürger der DDR) dem großen Loch (DDR) entfliehen. Die sozialistische Planwirtschaft mit ihrer staatlich verordneten Beschäftigungsgarantie bekommt ebenso ihr Fett weg: „Einer hält den Spaten und zwei schauen ihm beim Halten zu.“ Es gibt Arbeit für alle, auch wenn eigentlich niemand wirklich arbeitet. Eine stimmige Deutung? Was veranlasst den Westberliner Sven Regener (auch wenn das Sprecher-Ich natürlich nicht der Autor und ein biographischer Bezug in der Interpretation heute ja ohnehin verpönt ist), im Jahr 2005 einen Text über die Stasivergangenheit zu veröffentlichen? Und ist nicht die Straße, die „eine Biege macht nach Ost“ sehr irreführend? Spielte das Lied wirklich auf eine wie auch immer geartete DDR-Vergangenheit an, wäre dann nicht eine Biege nach West (also aus dem Osten hinaus) folgerichtiger? So richtig überzeugt diese Interpretation also nicht.

Vielleicht möchte aber das Lied-Ich einfach nur eine psychische Normabweichung kultivieren. Auch in der Straßenbahn des Todes, auf demselben Album wie Finger weg von meiner Paranoia veröffentlicht, gibt es eine Passage, in der eine psychische Störung in den Bereich des Alltäglichen und scheinbar Normalen gerückt wird: „Wo die Neurosen wuchern, will ich Landschaftsgärtner sein.“ Das lyrische Ich ist sich seiner Normabweichung bewusst; die Beschreibung der Alltäglichkeit dieser Abweichung gleicht beinahe einer Huldigung. Um es mit Nirvana zu sagen: „Just because you’re paranoid don’t mean they’re not after you.” (Nirvana: Territorial Pissings. Auf: Nevermind. Geffen 1991).

Da hat sich nun aber tatsächlich die ganze Welt gegen das lyrische Ich verschworen. Briefträger, Zeitungsmänner, ja selbst scheinbar anständige und seriöse Arbeiter, die allerdings schlussendlich nur so tun als würden sie arbeiten, sie alle sind an dieser Verschwörung irgendwie beteiligt. Sogar die Frau/Freundin/Exfrau – so ganz genau lässt sich der Status anhand des Textes nicht klären – macht mit. Durch ihr Verhalten könnte sie der Auslöser der ganzen Misere gewesen sein. In gewisser Weise führt ihre Existenz uns auf jeden Fall zu einem weiteren Deutungsansatz:

Eine besondere Form der Paranoia bzw. einer paranoiden Persönlichkeitsstörung stellt die Eifersucht dar. Auch für diese Deutungsmöglichkeit findet Regener passende Beschreibungen. Die Frau ist die Allerschlimmste, sie hat das Lied-Ich kalt im Stich gelassen, der Postmann vernichtet (Liebes-)Briefe. Das große Loch der ersten Strophe ist dann die gescheiterte Beziehung und die gemeinsame Heimaterde, also die Partnerin oder die Liebe, entflieht als Brocken diesem großen ‚Loch der Beziehung‘. Das Sprecher-Ich vermutet die Existenz eines Nebenbuhlers, von dem sogar der Zeitungsmann schon erfahren hat. Es (das Ich) hält einen Spaten, um zumindest symbolisch noch weiter an der Beziehung arbeiten zu können. Leider schauen ihm sowohl seine (zukünftige?) Ex und deren Neuer dabei zu und machen sich möglicherweise sogar lustig über ihn. Die Tiefbaumetapher mag sich aber leider nicht so recht dieser Deutung fügen.

Ist die Tiefbaumetapher am Ende vielleicht gar keine Metapher? Regt sich hier womöglich jemand darüber auf, wie in Deutschland Straßen gebaut werden? Man kennt das ja: Kilometerlange Autobahnbaustellen, Maschinen stehen scheinbar willkürlich in der Landschaft herum und Arbeiter sind weit und breit nicht zu sehen. „Aber andererseits arbeitet ja gerade niemand. […] Das ist ja das Komische, […] daß hier dauernd diese Baumaschinen rumstehen, Bagger und der ganze Scheiß […] aber andererseits arbeitet ja mal wieder niemand“ (Sven Regener: Herr Lehmann. München: Goldmann 2003, S. 246). Handelt es sich hier tatsächlich um einen intertextuellen Bezug und in diesem Fall gar um einen Verweis auf das dichterische Gesamtkunstwerk Sven Regeners? Sicherlich. Hat dies Einfluss auf die Deutung dieses Textes? Entscheiden sie selbst. Natürlich ist es interessant, dass da ein Bild (nämlich der Stillstand von Tiefbaumaßnahmen im weitesten Sinne) in zwei verschiedenen Texten eines Autors behandelt wird und dass dies sogar in beiden Fällen in einem Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen steht (Karl, der beste Freund Frank Lehmanns, erkrankt an einer Depression). Hilft dies hier aber wirklich weiter? Welche Rolle spielen Post- und Zeitungsmann? Da diese beiden ihrer Arbeit offensichtlich mehr oder weniger ordnungsgemäß nachgehen, besteht kein Zusammenhang zwischen ihnen und dem nichtarbeitenden deutschen Tiefbau. Ein einheitliches und eindeutiges Bild ergibt sich also auch hier nicht.

Zur Erkenntnis führt nun leider nichts. Dabei stellt sich die Frage, ob ein Text überhaupt so eindeutig sein muss (oder sein kann). In diesem Fall lautet die eindeutige Antwort: … Vielleicht. Vielleicht liegt der Reiz des Textes eben gerade in seiner Nichteindeutigkeit. Erfreuen wir uns einfach an Sven Regeners charmantem Witz und genießen wir seine teilweise grandiosen Textstellen. Distanzieren wir uns von zu konkreten und überladenen Deutungsversuchen und lassen wir den Autor zum Schluss ausnahmsweise noch einmal selbst und abschließend zu Wort kommen: „Da steckt mir zu viel Subtext drin“.

Daniel Lutz, Jana Wieczorek, Stefan Müller

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

2 Responses to Tiefbaupsychosen oder: Auf der Suche nach dem Subtext. Annäherungen an „Finger weg von meiner Paranoia“ von Element of Crime

  1. Zeh Er says:

    Ich denke, der Tiefbau ist eine Metapher für das Untergraben der Beziehung bzw des Vertrauens in der Beziehung. Der Tiefbautrupp besteht sinnbildlich aus der (baldigen) Ex und dem Neuen.
    „Wer immer dich geschickt hat – sag ihm, es ist nicht so klug, wenn sich ein Tiefbautrupp mit Arbeitseifer tarnt.“
    Der Arbeitseifer zusammen mit den dargestellten Tränen könnten dann das Bild abrunden, in dem die Ex entschuldigend und weinend versucht, sich zu erklären ohne aber wirklich die Beziehung retten zu wollen.

  2. Pingback: Loblied auf die Soziophobie. “Lieblingsfarben und Tiere” von Element of Crime | Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie

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