Ironischer Nationalismus. „Biergarten Eden“ von K.I.Z.

K.I.Z.

Biergarten Eden

Okay für dich Deutschland:

Danke Deutschland, wir dürfen wieder stolz sein,
Ein Volk sein, Schwarz-Rot-Gold sein.
Poldi hat die Treffer versenkt.
Die Sehnsucht in den Herzen hat die Mauern in den Köpfen gesprengt.
All unsere Söhne in Afghanistan: Jungs haltet den Kopf hoch.
Wir sind Papst und das Wunder von Oslo.
2006 sah die Welt wir sind nicht verkrampft.
Ost und West, Ying und Yang.
Rückt zusammen all ihr Dichter und Denker.
Warum wir stolz sind? Blickt aus dem Fenster:
glänzende BMWs, saftige Wiesen.
Ich häng mit Schwaben Sachsen und Friesen.
Gute Musik und herzhaftes Essen,
Bayern, Preußen und Hessen.
Die Flaggen auf den Wangen verwischt von den Freudentränen.
Ich will kein Urlaub, ich will Deutschland schön.

Schwarz Rot Gold, wir sind das Volk.
Schwarz Rot Gold und nie ein anderes.
Schwarz Rot Gold und wir reiten auf den Schäferhunden Richtung Horizont.
Er leuchtet Schwarz Rot Gold.

Den Juden das Geld, den Schwarzen die Mädels.
Weil wir brauchen bloß unseren Spargel aus Beelitz.
Bescheidene Menschen, einfache Menschen.
Arbeiter, Handwerker, fleißige Menschen.
Wir Deutschen sind Sklaven.
Wir haben die Bombe erfunden doch dürfen sie bis heute nicht haben.
Man hat sich zu benehmen als Gast in unserem Land.
Unsre Hochkultur von hier bis zum Ballermann bekannt.
Wir helfen Kids in der dritten Welt mit Waffen.
'Ne Frau als Kanzlerin, wie fortschrittlich ist das denn?
Immer wenn 'ne Mutter einen blonden Knaben gebärt
verlässt ein neuer Volkswagen 's Werk.
Und alle singen:

Schwarz Rot Gold wir sind das Volk […]

Wie kann man diese Weltmacht doof finden ?
Der Adler fliegt von Kamerun nach Elsaß-Lothringen.
Und wir wollen nicht mehr streiten,
an dieser Stelle nochmal 'n dickes Sorry für den Zweiten.
Wir laufen barfuß auf den Scherben der Reichskristallnacht.
Wünschen allen Imigranten eine weiße Weihnacht.
Doch bevor ihr rein dürft in den Biergarten Eden,
gibts noch einigen Papierkram zu regeln.
Deutschland: Exportweltmeister der Herzen.
Hier gibt es keinen Grund Steine zu werfen.
16 Bundesländer unser ganzer Stolz.
Germany, wir machen die 20 voll.

Schwarz Rot Gold wir sind das Volk […]

Das Lied Biergarten Eden wurde von K.I.Z. im Juni 2010 frei im Internet veröffentlicht und in einer Videobotschaft als bester WM-Song aller Zeiten angekündigt. In der Botschaft wird die Entstehung des Liedes damit begründet, dass die Bandmitglieder so viel von Deutschland bekommen haben, dass es Zeit wäre, etwas an die „große Nation“ zurückzugeben. Dies geschieht jedoch mit dem für den Band typischen ironischen Unterton, der sich auch im gesamten Text des Lieds widerspiegelt.

Inhaltlich beschäftigt sich die erste Strophe zunächst mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland und scheint den durch dieses Ereignis wieder aufkeimenden Patriotismus, der sich z.B. durch Fahnen an Autos zeigt, als positiv zu bewerten. Der Bezug zur Weltmeisterschaft wird unter anderem durch den Vers „Poldi hat den Treffer versenkt“ und „2006 sah die Welt wir sind nicht verkrampft“ hergestellt.

Desweiteren wird auf diverse Ereignisse angespielt, auf die, deutschen Stereotypen folgend, Menschen hierzulande stolz seien, bzw. auf Erfolge, die die Menschen als nationalen Erfolg wahrnehmen. So werden zum Beispiel in dem Vers „Wir sind Papst und das Wunder von Oslo“ Bildzeitungsschlagzeilen zitiert, die zur Wahl des deutschen Papstes und zum deutschen Sieg beim Eurovision Songcontest 2010 in Oslo erschienen sind. Hier werden Ereignisse genannt, die zu ähnlichen kollektiven patriotischen Freudenbekundungen geführt haben wie ein Fußballspiel.

Außerdem werden noch das gute deutsche Essen, die Musik, die Automobilindustrie und die unterschiedlichen Regionen Deutschlands als besonders schön und hervorhebenswert genannt. Die gesamte Darstellung des Landes wirkt stark übertrieben und lässt schon eine gewisse Ironie durchscheinen, die im Verlauf des Liedes deutlicher hervortritt und gesteigert wird. So erscheint der Vers „All unsere Söhne in Afghanistan: Jungs haltet den Kopf hoch.“ vordergründig als Mischung der sprichwortartigen Aussagen „Kopf hoch“ und „Halt die Ohren steif, entpuppt sich bei genauer Betrachtung aber als sarkastische Anspielung auf Ereignisse beim Afghanistaneinsatz der Bundeswehr: Im Jahr 2006 wurde bekannt, dass deutsche Soldaten in Afghanistan Leichen schändeten und sich mit deren Schädeln fotografieren ließen. Diese Anspielung passt so gar nicht in das scheinbar positive Deutschlandbild.

Der auf Refrain ist hymnenartig gestaltet und hört sich wie der eines typischen WM-Liedes an. Es wird das Bild des in den Sonnenuntergang reitenden Cowboys gezeichnet, das Pferd wird jedoch durch einen Schäferhund, ein typisch deutsches Tier, ersetzt.

In der zweiten Strophe wird offensiv auf rechtes Gedankengut angespielt, das schon häufig Thema in der Gesellschaft war. Hierzu zählten nationalsozialistische Äußerungen, in denen Juden mit Geld in Verbindung gebracht werden sowie die Produktion der Volkswagenwerke, eines früheren NS-Unternehmens, gelobt und mit der Geburt eines blonden, dem arischen Idealbild entsprechenden, Jungen in Verbindung gesetzt wird. Zudem nimmt der Vers „Wir Deutschen sind Sklaven“ ein Thema rechter Propaganda auf, das z.B. schon im gegen den Versailler Vertag gerichteten Slogan eines Plakats rechtsgerichteter Gruppierungen der Weimarer Republik zum Volksbegehren gegen den Young-Plan zu finden war („Bis in die dritte Generation müßt ihr fronen!“).

Es lassen sich jedoch auch direkte Anspielungen auf neuere Ereignisse mit rechten Hintergründen finden, wie zum Beispiel die 2000 von Friedrich Merz losgetretene Debatte über eine „Leitkultur“. Daneben wird noch die Fortschrittlichkeit einer weiblichen Regierungschefin und die Bescheidenheit und der Fleiß der Menschen gelobt. Wie auch in der ersten Strophe lässt sich in einem Vers wieder deutlich die eigentlich kritische Haltung des Lieds erkennen. So heißt es „Wir helfen Kindern in der dritten Welt mit Waffen“. Hier wird durch den Zusatz „mit Waffen“ darauf aufmerksam gemacht, dass Deutschland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt ist, und somit auch einen Anteil an dem bewaffneten Kampf von Kindersoldaten in Afrika hat.

Die dritte Strophe ist der zweiten sehr ähnlich. Deutschland wird in rechter Tradition als Weltmacht bezeichnet, die Reichskristallnacht wird thematisiert und es werden die ehemals deutschen Gebiete Kamerun und Elsaß-Lothringen erwähnt. Das Wünschen einer weißen Weihnacht für Emigranten scheint mehr auf die Hautfarbe, als auf die Hoffnung auf Schnee bezogen zu sein. Mit dem „Papierkram“ könnten die viel diskutierten Einbürgerungstests gemeint sein. Auch wenn die dritte Strophe eine Entschuldigung für den Zweiten Weltkrieg beinhaltet, endet sie mit der Forderung das Bundesgebiet auf 20 Bundesländer zu erweitern.

Insgesamt werden gesamten Lied Deutschland und das deutsche Volk vordergründig überaus positiv dargestellt. Durch die ironische Überzeichnung soll dabei jedoch Kritik am aufkommenden Patriotismus geübt und die fließenden Grenzen zum Nationalismus aufgezeigt werden. Dabei wird provokant mit rechten Vokabular und Gedankengut gespielt. Die Intention der Künstler wurde aber vielfach missverstanden.

Als die Bandmitglieder in Interviews auf das Lied angesprochen wurden, waren ihre Antworten zunächst von der gleichen Ironie geprägt, die bereits in der Ankündigung zu hören war. Dies änderte sich jedoch im Laufe der Zeit aufgrund der problematischen Rezeption vieler Hörer, die die Ironie hinter den Zeilen nicht erkannten, sie allzu wörtlich nahmen und der Band einen rechten Hintergrund unterstellten. Diese Rezeption zeigt sich auch, wenn man die unzähligen Kommentare bei YouTube zu dem Lied betrachtet. Dort finden sich Kommentare wie „Richtig so! Für mehr deutschen Nationalstolz!!!! =)“ oder

als ich dieses lied zum ersten mal gehört hab dacht ich…WOW!! es gibt noch deutsche musiker die solche schöne patriotische texte schreiben. da KIZ aber viel ironisch darstellt hab ich jetzt keine ahnung wie sie dieses lied jetzt meinen. ich nehm es einfach mal so wie es geschrieben ist und nehme mal an dass sie es auch so gemeint haben und da kann ich nur sagen: HUT AB ! ein wunderschönes, patriotisches lied. höre zwar eig. kein hiphop aber dieses lied spricht mich total an ()

Dies sind nur zwei Beispiele von vielen die zeigen, wie häufig die Botschaft des Liedes falsch verstanden wurde. Auf diese Problematik reagierten die Mitglieder auch in Interviews ungewöhnlich ernst. So erklärten sie bei der Sendung MTV Home ihre Motive für den Song ausführlich und machten klar, dass dieses Lied sich gegen Patriotismus und Nationalismus richtet, da „Leute, die sich für ihr eigenes Land freuen immer dazu tendieren auch andere Nationalitäten runter zu machen“, wie Nico Seyfried die Intention formulierte. Dies würde vor allem häufig beim Fußball geschehen. Auch im Interview mit meinrap.de sprechen die Mitglieder sehr ernst darüber, dass Rassismus häufig bei Patriotismus mitschwingt und, dass ihr Lied vielfach falsch verstanden wurde, indem es wörtlich und nicht als kritische Botschaft gegen Patriotismus wahrgenommen wurde.

Maximilian Sauer, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Ironischer Nationalismus. „Biergarten Eden“ von K.I.Z.

  1. Pingback: „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut“ … „and the world will live as one“. Zu „Hurra, die Welt geht unter“ von K.I.Z. und Henning May (2015) | Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie

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