Im Rausch. Gedanken zu „Theater“ von Katja Ebstein (Text: Bernd Meinunger)
4. Juni 2012 Hinterlasse einen Kommentar
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Katja Ebstein (Text: Bern Meinunger) Theater Sie setzen jeden Abend eine Maske auf und sie spielen wie die Rolle es verlangt. An das Theater haben sie ihr Herz verkauft. Sie stehn oben und die unten schauen sie an. Sie sind König, Bettler, Clown im Rampenlicht doch wie's tief in ihnen aussieht sieht man nicht: Theater, Theater der Vorhang geht auf, dann wird die Bühne zur Welt. Theater, Theater das ist wie ein Rausch und nur der Augenblick zählt. Wie ein brennendes Fieber wie ein Stück Glückseeligkeit, ein längst vergessner Traum erwacht zum Leben. Theater, Theater gehaßt und geliebt Himmel und Hölle zugleich. Und der Clown der muß lachen auch wenn ihm zum weinen ist und das Publikum sieht nicht daß eine Träne fließt. Und der Held der muß stark sein und kämpfen für das Recht doch oft ist ihm vor Lampenfieber schlecht. Alles ist nur Theater und ist doch auch Wirklichkeit Theater - das Tor zur Phantasie. Theater, Theater nur der bleibt dir treu, der dich vor Leidenschaft liebt. Theater, Theater ist lieben und freuen am Anfang und Ende zugleich Theater, Theater Ihr schenkt und aus Applaus wir geben alles für euch und Lachen und weinen für euch. Ja, wir geben alles für euch! [Katja Ebstein: Theater. Ariola 1980.]
Der griechische Gott Dionysos ist Gott des Rausches und Gott des Theaters. „Theater, Theater das ist wie ein Rausch“, singt Katja Ebstein 1980 im deutschen Grand-Prix-Beitrag Theater. Die Faszination am Rausch ist für Künstler aller Genres oft, dass der Rausch sowohl zu emotionalen Höhenflügen führen kann als auch zu brutalen Abstürzen. Euripides beispielsweise lässt in seinem Dionysos-Drama Die Bakchen fröhlichen Tanztaumel in blinde Raserei umschlagen, was schließlich sogar dazu führt, das eine Mutter ihr eigenes Kind tötet. Thomas Manns Künstlerfiguren kippen reihenweise aus den Latschen, sobald sie der kreative Rausch einmal gepackt hat.
Untersucht man den Beitrag der Grand-Prix-Veteranen Siegel/Meinunger auf diese Rauschambivalenz hin, stellt sich heraus, dass sich auch in diesem Text eine Entwicklung von einem harmlos-heiteren Stimmungshoch zu einer unkontrollierbaren Hochstimmung vollzieht. Die Welt wird auf den Kopf gestellt. Das Raum-Zeit-Kontinuum löst sich auf.
Auf zeitlicher Ebene „[zählt] nur der Augenblick“. Dies zeigt schon ein erstes Verbindungselement zwischen der präsentischen Kunst des Theaters, bei der nur die flüchtige Live-Performance zählt, und dem Rauschzustand. Denn im Rausch zählt ebenso nur das Jetzt. Zeitliche Parameter verschwimmen, eine Vergangenheit und Zukunft scheint es nicht mehr zu geben. Alles ist jetzt, „Anfang und Ende zugleich“.
Und auch das Raumkonzept wird amorph: „Himmel und Hölle zugleich“. Zwei absolute Oppositionen fließen durch die Gleichordnung ineinander. Ein Oben und Unten gibt es im Bühnenrausch nicht mehr. Durch „Hölle“ klingt außerdem deren Insasse, der Teufel, an. Der Teufel heißt auch Diabolus und Diabolus bedeutet ῾Durcheinanderwürfler’. Genau das geschieht im Rauschzustand: Alles wird durcheinandergewürfelt.
Der Vorhang scheint in dem ganzen Durcheinander die einzig feste Raumkonstante zu sein, denn er teilt die theatrale Welt in ein Oben der Akteure und ein Unten der Zuschauer: „Sie stehn oben und die unten schauen sie an.“ Mit dem Lüften des Vorhanges wird die „Bühne zur Welt“. Das Konzept des barocken Welttheaters allerdings ist damit nur scheinbar bedient, denn wo in Ebsteins Lied die Bühne zur Welt wird, wird im barocken Sinne die Welt zur Bühne. Im ersten Teil bezeichnet dieser Chiasmus mit der Bühnenwelt ein exklusives Raumkonzept, mit der Weltbühne wird allerdings ein inklusives beschrieben.
Mag das Raumkonzept des Theaters auch exklusiv sein, ist man einmal in der Bühnenwelt angekommen, scheint deren Aura öffnend und entgrenzend zu wirken: „Alles ist nur Theater/ und ist doch auch Wirklichkeit/ Theater – das Tor zur Phantasie.“ Hat man im Rausch einmal die Grenzen der Wirklichkeit überwunden, wird die Wahrnehmung intensiver. Das Tor zur Phantasie öffnet sich und alles wird psychedelisch bunt. Aldous Huxley verwendet in seinem Essay The Doors of Perception eine ähnliche Türmetaphorik, um bewusstseinserweiternde Vorgänge zu beschreiben. Allerdings ist er dafür nicht ins Theater gegangen, sondern hatte das Halluzinogen Meskalin eingeworfen.
Mit den Schlagworten Entgrenzung und Phantasie landet man schnell bei den Romantikern und ihrer Sehnsucht nach Transzendenz. Und so ist es nur konsequent, dass Huxley seinen Essaytitel dem Werk The Marriage of Heaven and Hell (1790-93) des englischen Romantikers William Blake entnommen hat: „If the doors of perception were cleansed/everything would appear to man as it is, infinite“. Zeit löst sich in Unendlichkeit auf, „Anfang und Ende zugleich“. Die Vermengung von Raumkonstanten scheint in Form der Hochzeit zwischen Himmel und Hölle auf, „Himmel und Hölle zugleich.“
Doch lösen sich in der exklusiven Theater-/Rauschwelt nicht nur die Grenzen der Wahrnehmung sowie Raum und Zeit auf, auch die Identität der Akteure ist betroffen: Ein kollektives sie setzt „jeden Abend eine Maske“ auf. Liest man hier das griechische persona – ῾Maske’ – mit, könnte man in den ersten Zeilen des Lieds schon einen Hang zur multiplen Persönlichkeit erkennen.
Neben Raum und Zeit werden also auch feste Identitätskonzepte flüchtig. Das Asyndeton „König, Bettler,/Clown“ lässt zwischen den drei Berufungen kaum eine Trennlinie zu, lediglich ein Komma verhindert die endgültige Verschmelzung von so disparaten Identitäten wie König, Bettler und Clown. Der Zeilensprung mitten in der Aufzählung unterstreicht das Ineinanderfließen der Identitäten weiter.
Vom rauschhaften Durcheinanderwirbeln der Identitäten wird schließlich auch die Sprecher-Instanz erfasst: Am Anfang beschreibt diese die Obenstehenden noch nüchtern sich selbst ausschließend als „sie“. Im Verlauf hat sie dann einen guten Überblick über Akteure und Zuschauer gleichermaßen. Beispielsweise weiß sie, dass der Clown lachen muss, obwohl im innerlich zum Weinen ist, ebenso wie, dass die Untensitzenden dies nicht bemerken.
Nur eine merkwürdige Syntax mag bereits verraten, dass die Instanz hineingesogen wird in den Theaterrausch: „Und der Clown/der muß lachen“, „[u]nd der Held/der muß stark sein“. Das wiederholte Modalverb in Kombination mit einem infantil anmutenden Satzbau lässt darauf schließen, dass das „Tor zur Phantasie“ wohl bald endgültig durchschritten ist. Und so packt das dionysische Lampenfieber schließlich auch die Sprecherinstanz, die sich am Ende an ein Zuschauer-Ihr wendet. Darauf wird aus dem zuvor als „sie“ abgegliederten Schauspielerkollektiv in der letzten Zeile plötzlich ein Wir: „Ja, wir geben alles für euch!“
Einmal mehr zeigen sich in diesem Ausruf der euphorischen Begeisterung die zwei Seiten des Rauschs. Um noch einmal die Griechen zu bemühen: Euphorie wörtlich genommen trägt das „Gute“ schon in sich: eu- bedeutet ῾gut-/wohl-’ und -phorie geht auf das griechische Verb phérein ῾tragen’ zurück. Im Rausch lässt sich so manches also besonders genießen oder leicht(er) ertragen. Dauerhafter Rausch allerdings wäre kaum zu ertragen, denn er würde schließlich zum Kontrollverlust und endlich zur gänzlichen Aufzehrung des Berauschten führen. In der Tat: „Wir geben alles für euch!“ Applaus. Und aus?
Florian Seubert, Bamberg