Kirchenlieder aus dem Reformationsjahrhundert – Martin Luther: „Wir glauben all an einen Gott“

Martin Luther

Wir glauben all an einen Gott

1. Wir glauben all an einen Gott,
Schöpfer Himmels und der Erden,
der sich zum Vater geben hat,
dass wir seine Kinder werden.
Er will uns allzeit ernähren,
Leib und Seel auch wohl bewahren;
allem Unfall will er wehren,
kein Leid soll uns widerfahren.
Er sorget für uns, hüt’ und wacht;
es steht alles in seiner Macht.

2. Wir glauben auch an Jesus Christ,
seinen Sohn und unsern Herren,
der ewig bei dem Vater ist,
gleicher Gott von Macht und Ehren,
von Maria, der Jungfrauen,
ist ein wahrer Mensch geboren
durch den Heilgen Geist im Glauben;
für uns, die wir warn verloren,
am Kreuz gestorben und vom Tod
wieder auferstanden durch Gott.

3. Wir glauben an den Heilgen Geist,
Gott mit Vater und dem Sohne,
der aller Schwachen Tröster heißt
und mit Gaben zieret schöne,
die ganz Christenheit auf Erden
hält in einem Sinn gar eben;
hier all Sünd vergeben werden;
das Fleisch soll auch wieder leben.
Nach diesem Elend ist bereit’
uns ein Leben in Ewigkeit.   

Das deutsche Patrem lautet die Überschrift über unser Lied im sog. „Babstschen“ Gesangbuch von 1545. Die Lieder dieses Buches hat Luther noch selbst durchgesehen und geordnet. Aber was bedeutet dieser Titel eigentlich?

In der römischen Messe stimmte der Priester das Glaubensbekenntnis mit der Zeile Credo in unum deum an (Ich glaube an einen Gott), dann fuhr der Chor mit patrem omnipotentem (den allmächtigen Vater) fort. Dieses erste Wort gab dem Text seinen Namen.

Als Luther 1526 die „Deutsche Messe“ zusammenstellte, ersetzte er den Text des Chores durch ein Trinitatislied, das er 1524 geschrieben hatte und ließ es durch die Gemeinde singen: Wir glauben all an einen Gott. Heute sieht unsere Gottesdienstordnung ein gesprochenes Glaubensbekenntnis vor, bietet aber auch für besondere Gelegenheiten vier vertonte Textfassungen an, darunter unser Lutherlied (EG 183).

Es hat drei Strophen. Das entspricht den drei Personen des einigen Gottes und leuchtet uns deshalb ein. Die vorreformatorische Kirche hatte allerdings das Glaubensbekenntnis in 12 Artikel unterteilt. Die Erinnerung, dass es aus dem dreiteiligen Bekenntnis des Täuflings zu Vater, Sohn und Geist (Matth. 28, 19f) hervorgegangen ist, war damals in Vergessenheit geraten. Luther hat also die Dreiteilung wiederentdeckt.

Jede der drei Strophen beginnt mit „Wir glauben“, wobei eine Folge von fünf Tönen (ein sogenanntes „Melisma“) das „Wir“ besonders hervorhebt. Die erste Strophe beschreibt Gott, als den Schöpfer der Welt, als fürsorglichen Vater und allmächtigen Erhalter des Geschaffenen. So ausführlich wird dies weder im Nicänischen noch im Apostolischen Glaubensbekenntnis dargestellt. Wie bei der Auslegung des ersten Artikels im kleinen Katechismus kommt es Luther offenbar darauf an, Abstraktes erfahrbar zu machen. Wir sollen hinter Versorgung und Schutz die Liebe des gütigen Gottes erleben.

Die zweite Strophe beschreibt Gott als den Erlöser in der Person Jesu Christi. Im Gegensatz zur ersten Strophe hat Luther hier die Darstellung der gesprochenen Glaubensbekenntnisse gekürzt. Geburt, Tod und Auferstehung des Erlösers werden mit wenigen Worten angesprochen, Pontius Pilatus, Grablegung, Himmelfahrt und die Ankündigung der Wiederkunft fehlen. Dafür nimmt er in der 8. Zeile etwas auf, was nicht im Apostolikum steht: Jesus Christus starb „für uns, die wir warn verloren“. D a s ist ihm wichtig, denn es unterstreicht erneut die Liebe Gottes, die er schon in der ersten Strophe besonders herausgehoben hat.

Sehen wir aber auch, was Luther n i c h t gestrichen hat: Die Geburt Jesu von „Maria der Jungfrauen“. Sie ist ihm wichtig, weil sie die Erniedrigung des Gottessohnes als wahrer Mensch erklärt. Verstehbar ist uns dieser Vorgang ohnehin nicht, man kann ihn nur „durch den Heilgen Geist im Glauben“ annehmen, so wie es Maria getan hat, die uns Luther ja immer wieder als Vorbild im Glauben vorstellt. Wenn Sie genau hinsehen, sind die vierte und sechste Zeile die einzigen im ganzen Lied, die sich nicht reimen sondern nur durch die Assonanz „Jungfrauen“ – „Glauben“ verbunden sind. Der Sprachkünstler Luther drückt also das Außergewöhnliche durch einen bewussten Verstoß gegen die Reimregeln aus.

Die dritte Strophe ist im Unterschied zu den anderen ganz im Präsens gehalten. Was hier beschrieben wird, ist nicht vor langer Zeit geschehen wie die Schöpfung und vor 2000 Jahren, wie Jesu erlösender Tod. Es geschieht jetzt. Täglich und überall. Die Strophe beschreibt Gott den Heiligen Geist: als „aller Blöden Tröster“ – so hieß es im Original, und meinte die Unverständigen, die sich selbst zur Verzweiflung treiben, weil sie Gottes Geheimnisse verstehen möchten und sich selbst erlösen wollen, anstatt sich auf seine Liebe und die Gaben des Geistes zu verlassen.

Und mit den drei wichtigsten Gaben des Geistes schließt Luther das Lied ab: Der Geist „hält die ganz Christenheit auf Erden“ vor Gott zusammen. Das ist die erste. Die andere: er stärkt uns im Glauben daran, dass „Hier all Sünd vergeben werden“. Und die dritte Gabe verweist in die Zukunft. Sie erinnert daran, dass das eigentliche Leben noch vor uns liegt, weil der Vater uns geschaffen und der Sohn uns erlöst hat: „Nach diesem Elend ist bereit’ / uns ein Leben in Ewigkeit.“ Wo das geglaubt wird, ist Kirche.

Ich habe eingangs auf das wir glauben hingewiesen, mit dem Luther zum Beginn jeder Strophe die Tonfolge c-g-f-g-d-e der alten Melodie unterlegt hat um das weltweite „wir“ der Christenheit zu betonen. Auf die Wiederholung dieser Tonfolge im zweiten Teil lässt er die Kernaussagen der drei Strophen singen: „Kein Leid soll uns widerfahren“ in der ersten, „für uns, die wir warn verloren“ in der zweiten und „das Fleisch soll auch wieder leben“ in der dritten. Das dürfen wir glauben, das bekennen wir und das kann jeder Christ mit uns singen.

Andreas Wittenberg, Bamberg

Eine gekürzte Fassung dieses Textes erschien im Gemeindebrief der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Bamberg, St. Stephan, Mai-Juli 2012.

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