Die Ausbeutung kann man eigentlich nur tanzend ertragen: Deichkinds „Bück dich hoch!“ als Entwurf des falschen Lebens im Falschen


Deichkind

Bück dich hoch!

Halt die Deadline ein, so ist's fein!
Hol' die Ellenbogen raus, burn dich aus!
24/7, 8 bis 8, was geht ab, machste schlapp, what the fuck?!
Bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich hoch, ja!
Das muss heute noch zum Chef, besser jetzt!
Bück dich hoch.
Ach du Schreck, Bonus-Scheck, ist schon weg!
Bück dich hoch.
Fleißig Überstunden, ganz normal!
Bück dich hoch.
Unbezahlt, scheißegal, keine Wahl!
Bück dich hoch.

Klick dich, fax dich, mail dich hoch,
grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch,
kick dich, box dich, schlaf dich hoch,
bück dich hoch, ja!

Bück dich hoch! Komm steiger den Profit!
Bück dich hoch! Sonst wirst du ausgesiebt!
Bück dich hoch! Mach dich beim Chef beliebt!
Bück dich hoch! Auch wenn es dich verbiegt!
Bück dich hoch! Komm steiger den Profit!
Bück dich hoch! Sonst wirst du ausgesiebt!
Bück dich hoch! Mach dich beim Chef beliebt!
Bück dich hoch! Bück dich hoch, ja!

Dieses Wochenende Pitch, machste mit!
Bück dich hoch.
Denke groß, sei aktiv, halt dich fit!
Bück dich hoch.
Pass dich an, du bist nichts, glaub ans Team!
Bück dich hoch.
Halt die Schnauze, frisch ans Werk und verdien!
Bück dich hoch.
Aufgebraucht, Akku raucht, ausgetauscht!
Bück dich hoch.
Komm pack im Meeting noch ne Schippe drauf!
Bück dich hoch.
Yogakurs, abgesagt, reingekloppt!
Bück dich hoch.
Fehlt der Job, ja mein Gott, tu als ob!
Bück dich hoch.
Klick dich, fax dich, mail dich hoch,
grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch,
kick dich, box dich, schlaf dich hoch,
bück dich hoch, ja!

Bück dich hoch! Komm steiger den Profit! [...]

Zick dich, pitch dich, grins dich, push dich,
deal dich, klatsch dich, drück dich, reib dich,
swing dich, stech dich, grip dich, zech dich,
roll dich, fahr dich, stampf dich, jag dich,
kämpf dich, schieß dich, gräm dich, flash dich,
schlag dich, kick dich, press dich, füg dich,
treib dich, knöpf dich, schraub dich, quäl dich,
bück dich hoch.

Du brauchst Konkurrenz, keine Friends!
Do your fucking Job, till the End!
Nimm dir ein Beispiel an Donald Trump!
Was ist los, reiß dich zusammen, pack mit an!
Deinen Einsatz gibst du denen da oben gern!
Bück dich hoch.
Schenke deinen Urlaub dem Konzern!
Bück dich hoch.
Trink einen großen Schluck Leistungsdruck!
Bück dich hoch.
Wir steigern das Bruttosozialprodukt!

Bück dich hoch! Komm steiger den Profit! [...]

     [Deichkind: Befehl von ganz unten. Vertigo 2012.]

Wer Deichkind schon länger kennt, erinnert sich vielleicht noch, dass Arbeit nervt. Glaubt man dem so benannten Track der Hamburger, möchte jeder am liebsten „gammeln, feiern, flirten, fummeln, fressen“. Deshalb reibt man sich verwundert die Ohren, wenn auf dem aktuellen Album der Befehl von ganz unten erfolgt: Bück dich hoch! Unterlegt von elektronischen Samstagabendbeats, die irgendwo zwischen Acid Trance und Rap wummern, erhalten wir eine Anleitung zum falschen Leben im Falschen. In vier Minuten entfaltet Philipp Grütering aka Cryptic Joe ein Einmaleins der gegenwärtigen Arbeitswelt.

In seinem sprachlichen Aufbau orientiert sich der Liedtext an den Beats. Dem Hörer fliegen knapp und eingängig formulierte Slogans um die Ohren. Zu Beginn vermittelt der Text einen ersten Blick in die schöne neue, von Stress geprägte Welt der Arbeit: Statt schwer erkämpfter 40-Stundenwoche und wohl verdienter Freizeit herrscht das Prinzip der unentwegten Erreichbarkeit. Permanente Arbeit ist das Ziel. Um diese erfolgreich zu erledigen, sollte man die Kollegen als Gegner begreifen. Dieser einleitende Textabschnitt führt bereits alle Elemente der sich ähnelnden, aber nie ganz gleich aufgebauten Strophen und Bridges ein. Nach den spezifische Aufforderungen formulierenden Befehlszeilen findet sich das isolierte Mantra vom Hoch-bücken, das anschließend im Wechsel mit den Befehlszeilen zum Einsatz kommt. Wir haben nach dem „Präludium“ drei Grundelemente des Textes: 1. die insgesamt dreimal verwendete Bridge, die die Formel „Bück dich hoch!“ variiert, 2. den Refrain, bei dem auf die Aufforderung zum Hoch-bücken ein weiterer, diesen Ausruf präzisierender Appell folgt, und 3. die beiden Strophen, in denen das Prinzip des Refrains umgekehrt wird.

In der musikalischen Untermalung unterscheiden sich die einzelnen Elemente stark. Die Strophen erinnern in der Konzentration auf den Rhythmus an das Prinzip aus der Rapmusik, dass sich Beat und Rap ergänzen, um den Text zu unterstreichen oder kontrastierend hervorzuheben. Die Bridge erhöht dann das Grundtempo und führt den melodischen Loop ein, der anschließend im mitsingbaren Refrain aufgeht. Da kann man dann feiern, was einem zuvor an Widerlichem ausgebreitet worden ist.

Soweit der grobe Aufbau. Aber was soll das Ganze? Die ersten Zeilen lassen sich als vorläufige Ausführungen zum paradoxen Titel lesen. Sich selbst erniedrigen, aber mit allen Mitteln darum kämpfen, an die ökonomische Spitze zu gelangen, das ist, was uns der Song als Grundzug der Arbeitswelt vorstellt. Mit Peter Rühmkorf ließe sich die inhärente Logik der ironisch angepriesenen Arbeitsethik etwas dialektischer fassen: „Wer geduckt steht, will auch andre biegen“. Die Bridge macht klar, egal was man auch tut, ums Hoch-bücken kommt keiner herum.

Wenn man den Refrain ernst nimmt, ist es unwichtig, ob die Arbeit entlohnt wird und wie viele Überstunden man ableistet. Es gibt – auf den ersten Blick – keinen Ausweg. Wer sich nicht unterordnet, sich nicht verbiegen will, wer keine Lust hat, sich der Profitmaximierung ganz und gar unterzuordnen, wird eben „ausgesiebt“, auch weil er selbst ja immerzu dringend Geld braucht. Mitmachen beim Verdienen darf nur, wer mitläuft ohne zu murren. Erfolg hat, wer die Entwürdigung feiert und singt.

Mit sich immer wieder ähnelnden Formulierungen stellt der Text die Allpräsenz von Leistungsdruck und Selbstaufgabe aus. Man soll sich fit halten, aber keinesfalls die Arbeit zu kurz kommen lassen. Seinen Gedanken keine Grenzen setzen, dabei aber bitte nicht vergessen, dass man nur im Team etwas wert sei. Wie verlogen das englische Wort für Mannschaft gebraucht wird, unterstreicht die Bridge. Sie erinnert daran, welche Möglichkeiten es gibt, um sich nach oben zu bücken. Nichts ist verboten, um nach oben zu kommen: Neben dem adäquaten Einsatz der elektronischen Medien, die einen, wie man aus den ersten Zeilen weiß, immerzu erreichbar machen, rät der Song zum möglichst umfänglichen Einsatz des eigenen Körpers, sei es durch Gewalt oder auch Sex, nicht zu vergessen intrigantes Verhalten gegen alle.

Strophe drei liefert dafür eine Begründung: Konkurrenz ist alles, Freundschaft nichts. Das Ideal des Erfolgs ist, als ironische Krone des ganzen Lieds, Donald Trump. Seit 2004 sucht der amerikanische Immobilienunternehmer in der Realityshow The Apprentice nach dem idealen (leitenden) Angestellten. Dem von Deichkind entworfenen Idealtyp kommen die Kandidaten und vor allem der Sieger der Sendung ziemlich nahe. Wer ohne Rücksicht auf Verluste für den Profit kämpft, wer seine Mitarbeiter effizient auswringt, kommt ans Ziel. Ausreden gelten nicht. Auch wer ohne Arbeit ist, kann noch eine Stresspantomime tanzen. Alles für ein Ziel, das den meisten Hörern allzu bekannt sein dürfte: die heilige Steigerung des BIP.

Spätestens mit diesem Zitat in der letzten Strophe erinnert man sich dann an einen ähnliches Lied. Als in den achtziger Jahren der letzte große Umbruch der Arbeitswelt erfolgte und das Mantra vom alles erhaltenden, heilbringenden Wirtschaftswachstum erstmals die politische Debatte dominierte, komponierten Geier Sturzflug die passende Hymne zur Neuausrichtung der Gesellschaft. Rückblickend wirkt die dort besungene übermäßige Arbeitslust fast harmlos. Zwar entwerfen auch die Bochumer eine Welt voller Überstunden und Arbeitswut, und ihr Song ist mit einer ordentlichen Portion Konsumkritik angereichert, aber keine Spur findet sich von konkurrenzwütigen, den sozialen Zusammenhalt und die Würde gefährdenden Prozessen, wie sie Deichkind skizzieren. Beide Lieder ähneln sich aber in der Vermittlung. Melodie und Rhythmus sind, wenn auch unterschiedlich schnell, eingängig gestaltet. Man kann das eigene Leid wunderbar mitschallern und dazu tanzen, egal ob mit Discofox oder Discopogo.

Die Musikkritiker der Groove bezeichnen diese Verbindung von freudiger Musik und sozial-realistischem Text als malträtierende Sektdusche, weil ihnen die Reime zu simpel erscheinen. Sie wünschen sich anscheinend mehr Ernsthaftigkeit. Diese Ansicht muss man freilich nicht teilen. Es gibt sie natürlich, nachzulesen bei Elfriede Jellinek und anderen. Wer sich aber auf den Deichkind-Song einlässt und die entworfene Arbeitswelt mitdenkt, fragt sich, mit welchen Mitteln die entwürdigenden Anforderungen an den zeitgenössischen Angestellten besser zu fassen wären. So viel Schreckliches kann man eigentlich nur in solcher Überzeichnung und elektronischer Unbeschwertheit ertragen. Zumal die Einfacheit der Reime aus der ökonomisierten Sprache unserer Alltagswelt erwächst. Was mancher Roman auf mehreren hundert Seiten an Sprachkritik und Sozialstudie entfaltet, packen die Hamburger MCs in einen im besten Sinne poetischen, also verdichteten Text.

Patrick Galke, Bamberg

Advertisements

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Die Ausbeutung kann man eigentlich nur tanzend ertragen: Deichkinds „Bück dich hoch!“ als Entwurf des falschen Lebens im Falschen

  1. Pingback: Die unerträgliche Leichtigkeit des Trödelns. Zu Deichkinds “Der Flohmarkt ruft” | Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: