Ekel is’n starkes Gefühl – „Schimmliges Brot“ von Foyer des Arts

Foyer des Arts

Schimmliges Brot

Ein Wahlkampfplakat
Ein Staatsmann von Format
lockt mich, lockt mich, aber nein:
In der Hand hält er leider
ein schimmliges Brot.

Ein Fernsehquiz
mit Schwung und mit Schmiß
lockt mich, lockt mich, aber nein:
Zu gewinnen gibt´s leider
nur ein schimmliges Brot.

Schimmliges Brot
verdirbt oft die Freude.
Schimmliges Brot
schmälert das Vergnügen
Schimmliges Brot
ist selten von Vorteil

Großes Geknall
ein Autounfall
lockt mich, lockt mich, aber nein:
statt Blut sieht man leider
nur schimmliges Brot

Eine spanische Marquesa
namens Theresa
lockt mich, lockt mich, aber neín:
Im Mund hat sie leider
ein schimmliges Brot.

Schimmliges Brot [...]

Eine Welle der Verachtung
brandet tosend im Abendrot.
Eine Fontäne der Verzweiflung
speit zornige Parolen.
Im Krater der Gesellschaft
brodelt die Wut:
Schimmliges Brot
finden wir nicht jut!

     [Foyer des Arts: Schimmliges Brot. ARO 1985.]

Auf schimmliges Brot gibt es unter den Menschen unseres Kulturkreises eigentlich nur eine denkbare Reaktion: Ekel. Diese Empfindung, ausgelöst durch unser Auge, bestätigt durch unser intellektuelles Wissen um die toxische Wirkung des graublauen Belags, strömt sofort durch unseren ganzen Körper und löst das dringende Bedürfnis aus, Distanz zwischen uns und die Ekelquelle zu bringen.

Im Ekel scheint nie weniger als alles auf dem Spiel zu stehen. Er ist ein Alarm- und Ausnahmezustand, eine akute Krise der Selbstbehauptung gegen eine unassimilierbare Andersheit, ein Krampf und Kampf, in dem es buchstäblich um Sein oder Nicht-Sein geht. Das macht, selbst bei scheinbar harmlosen Anlässen, den eigentümlichen Ernst der im Ekel getroffenen Unterscheidung von ,Wohlbekommen’ und Ungenießbarkeit, von Einnehmen und Verwerfen (Erbrechen, Aus-der-Nähe-Entfernen) aus. (Winfried Menninghaus: Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1999, S. 7.)

Unser Song unternimmt nun einiges gegen den Ernst der Bedrohung, kann (und will) ihn indes nicht völlig aufheben, um ästhetisch von der Affekt-Freisetzung dieses „elementaren Gefühls“ (Darwin) zu profitieren. Unverkennbar ironisch konstruiert sind die Situationen, in denen hier das libidinöse Begehren des Sprecher-Ichs durch schimmliges Brot gestört wird. Während Liebe und Appetit auf Nähe bis hin zur Vereinnahmung eines Objekts durch ein Subjekt zielen, zwingt die durch das schimmlige Brot immer wieder ausgelöste Ekelreaktion das Individuum zur Distanzierung vom eigentlich begehrten Objekt. Das Sprecher-Ich erleidet auf diese Weise gewissermaßen Tantalus-Qualen, die ,uns’ allerdings nur begrenztes Mitleid abfordern, da ,wir’ seine Begehrlichkeiten eher nicht teilen. Deren prekärer, um nicht zu sagen perverser „Geschmack“ wird beim Autounfall am deutlichsten offenkundig; aber die Hörer von Foyer des Arts (von Max Goldt und Gerd Pasemann 1981 gegründet) sollen auch die in unserer Gesellschaft weit verbreiteten und als ,normal’ eingestuften ,Gelüste’ auf Glamour-Politiker, Fernsehshows oder Prominenz als abwegig, ja ,eklig’ empfinden.

In vier jeweils fünfzeiligen Versblöcken (1, 2, 4, 5) begegnen dem Ich zunächst starke Oberflächenreize audiovisueller Art, die stets im ersten Satz, der sich über zwei Verse zieht, beschrieben werden. Deren libidinöse Attraktivität wird mit dem immer gleichen Mittelvers explizit konstatiert „lockt mich, lockt mich“, doch sofort folgt die entscheidende Zäsur von Vers und Strophe „aber nein:“ – „leider, leider, leider, leider“ folgt beim genaueren Hinsehen in stereotyper vierfacher Wiederholung die ernüchternde Wahrnehmung von schimmligem Brot, das wir durchaus als Metapher nehmen dürfen. Der Politiker hält’s in der Hand, d.h. was er zu geben hat, ist wertlos, wenn nicht gar schädlich. Beim Fernsehquiz ist nur „schimmliges Brot“ zu gewinnen – vielleicht nicht für den Saalkandidaten, aber bestimmt für den Zuschauer, dem Belehrendes vorgegaukelt, aber letztlich nur abstruse, wertlose Information präsentiert wird. Der Autounfall scheint ,großes Kino’ zu versprechen, aber am Ende gibt’s nur menschliches Elend zu sehen und den erbärmlichen Voyeurismus der Gaffer. Hochgespannte Erwartungen auf Glamour („Marquesa“) und vorbildliche Philanthropie („Theresa“) der Prominenz verpuffen – vielleicht im Zuge einer Fernsehtalkshow, vielleicht beim Durchblättern einer einschlägigen Illustrierten –, zurück bleibt die Enttäuschung über dümmliches Geschwätz („Im Mund hat sie leider / ein schimmliges Brot).

Das ironische Zentrum des Songs sehe ich also in der ambivalenten Situation eines Sprecher-Ichs, das einerseits einen ausgesprochen ,schlechten Geschmack’ beweist, indem es Objekte libidinös besetzt, die eigentlich als unappetitlich angesehen werden müssten, zugleich aber an der Ausübung dieses schlechten Geschmacks durch kollektiv geteilte Ekelreflexe gehindert wird. Grotesk-komisch wirkt dabei das Auftauchen des konkreten Ekel-Auslösers in der Art eines running gag in unkonventionellen bzw. absurden Konstellationen, wobei sich diese Komik sofort auflöst, sobald man das schimmlige Brot metaphorisch nimmt und angemessen deutet. Komische Effekte gehen darüber hinaus auch von musikalisch-stimmlich hervorgehobenen rekurrenten Phrasen wie dem viermal wiederholten „lockt mich, lockt mich“ aus. (Zur Problematik eines grundsätzlichen Zusammenhangs zwischen ,Verlockung’ und Ekelreaktion vgl. Aurel Kolnai: Ekel, Hochmut, Haß. Zur Phänomenologie feindlicher Gefühle. Frankfurt a. Main: Suhrkamp, 2007, = stw 1845, S. 19 f.)

Die Strophenfolge des Songs besitzt eine für populäre Lieder ungewöhnlich unregelmäßige Struktur. Auf jeweils zwei mit narrativen Inhalten besetzte Versblöcke (zu 5 Versen) folgt zunächst je ein sechszeiliger Refrain, der in umständlichen, künstlich gestelzten, hoch redundanten Formulierungen gewissermaßen die triviale Lehre aus den Erlebnissen des Ichs zieht: Schimmliges Brot „verdirbt oft die Freude“ und „ist selten von Vorteil“. Die vorsichtig-einschränkenden Formulierungen dieser banalen Erkenntnis wirken abermals komisch. Den Abschluss des Liedes bildet ein achtzeiliger Versblock, der sich aus vier Sätzen zusammensetzt. Die ersten drei Sätze betreiben mit ihren ebenso pompösen wie schief-demaskierenden Metaphern und Bildern höchsten rhetorischen Aufwand; dabei scheint das Sprecher-Ich seine individuelle Frustration in eine kollektive gesellschaftliche Empörung überführen zu wollen. Peinlicherweise fallen ihre letzten beiden Verse abrupt auf das banale Sprach- und Denkniveau zurück, das seinem schlichten Geschmack entspricht und diesen einmal mehr entlarvt. Zugleich kollabieren alle vom starken Affekt des Ekels befeuerten revolutionären Energien zum facebookartigen Reflex eines geprügelten Hundes: „Schimmliges Brot / finden wir nicht jut!“ Was sich oberflächlich besehen lustig ausnimmt, ist im Grunde tief traurig.

Der Gesamttext operiert dialektisch mit Ekeltabus: Während das Sprecher-Ich das Nahrungsmitteltabu (schimmliges Brot ist schädlich) affirmiert, verstößt es implizit – wie oben ausgeführt – gegen viele Tabus des ,guten Geschmacks’. Die Hörer des Lieds können dies erkennen und jene Geschmackstabus bestätigen, indem sie sich vom Ich distanzieren und dieses ,verlachen’. Ekel bzw. die Fähigkeit, Ekel zu empfinden, gehört zwar zur menschlichen Natur, die Objekte, auf die sich Ekelimpulse richten, sind aber variabel und werden kulturell ausgehandelt. Das Lied von Foyer des Arts greift nun genau in diesen gesellschaftlichen Prozess der Verhandlung von libidinösen Antrieben und ekelbesetzten Objekten ein (vgl. ganz analog in diesem Zusammenhang auch das Video „Ihhhh, ein Banker“).

Auf ästhetischer Metaebene verstößt der Text gegen konservativ-bürgerliche Konventionen, indem er Ekliges explizit thematisiert und zum Gegenstand von Kunst macht. Damit bewegt er sich auf einem Feld, das spätestens seit dem Barockzeitalter intensiv diskutiert wird (vgl. den Aufstieg von dégoût als diskursiver Kategorie). Seitdem bringen viele Künstler ,Unschönes’ in ihre Werke ein, um dem Grundproblem ,nur-schöner Kunst’ entgegen zu wirken, selber ,eklig’ (in den Formen des ,zu Süßen’, ,Langweiligen’, ,Unwahren’ oder ,Kitschigen’) zu werden.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

Advertisements

Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

3 Responses to Ekel is’n starkes Gefühl – „Schimmliges Brot“ von Foyer des Arts

  1. Pingback: “Schimmliges Brot ist selten von Vorteil” « Prof. Dr. Hans-Peter Ecker

  2. Pingback: cinvestav.mx

  3. Pingback: suwonyouth.org

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: