Die Romantik des Aufwischens von Erbrochenem. Heroisierter Beziehungsalltag in „Rettung“ von Kettcar

Kettcar

Rettung

Wir verließen den Laden und jetzt noch 800 Meter.
Ich fühlte mich erhaben, wie ein Rettungssanitäter.
Du konntest nicht mehr gehen,
das heißt Huckepack nehmen.

Du sagtest: „Lass mich zurück, du kannst es schaffen ohne mich!“
Ich sagte: „Nein, ein Marine lässt niemanden im Stich.
Wir haben‘s gleich geschafft.“
Und ich ging langsam durch die Nacht.

Als die Sabberfäden zart mein Ohr streiften,
als wir mit allerletzter Kraft unser Fort erreichten,
als du's grad noch ins Bad schafftest, aber nicht zum Klo
und dann irgendwas in den Haaren hattest und ich wusste wieso.

Es ist nicht das, was man empfindet,
nicht nur das, was man fühlt,
nicht, was man voller Sehnsucht sucht,
Liebe ist das, was man tut.

Wir zahlten den Abend mit unsrer härtesten Währung,
Für alles einen Grund, aber für nichts eine Erklärung.
Und jetzt liegst du da,
und ich puhl Essen aus deinem Haar.

Ich sagte: „Komm, trink das aus, das wird das Schlimmste verhindern,
das Unheil morgen früh vielleicht ein kleines bisschen lindern.“
Ich wischte alles weg,
ich stellte Schüsseln nebens Bett.

Und du sagtest: „Ich möchte nicht, dass du mich so siehst,
ich will hier leise sterben und ich möchte dass du gehst.“
Alle Fenster auf Kipp und ich dachte: „Na gut,
nicht was man empfindet, es ist das, was man tut!“

Und im Türrahmen ein letzter Blick
auf dich und auf das Bild des Elends,
auf dem Küchentisch dann eine Zeile:
„Guten Morgen, Liebe meines Lebens!“

     [Kettcar: Zwischen den Runden. Grand Hotel van Cleef 2012.]

In der 14. Episode der ersten Staffel von How I Met Your Mother beschließen Lily und Marshall ihr neunjähriges Jubiläum nicht, wie ursprünglich geplant, in einer Bed and Breakfast-Pension zu begehen, sondern den Tag gemütlich in der Wohnung zu verbringen, die sie zusammen mit dem erst frisch wieder liierten Ted bewohnen. Als sie Zähne putzend im Bad stehen, kommt überraschend Ted mit seiner neuen Partnerin Victoria in die vermeintlich leere Wohnung. Im Wissen darum, dass die beiden ihren ersten gemeinsamen Sex vor sich haben, bleiben Lily und Marshall im Bad, um sie nicht zu stören – und sie zu belauschen. Zunächst machen sie sich über deren verliebtes Verhalten lustig, dann stellen sie fest, dass ihre eigene Beziehung nicht mehr so romantisch sei, dass es keine ersten Male mehr für sie gebe. Lily empfindet zunehmend starken Harndrang, während Ted und Victoria keine Anstalten machen, sich in Teds Zimmer zu begeben. Weil Marshall nun also das Bad nicht mehr verlassen kann, ohne bemerkt zu werden, womit auch klar wäre, dass er und Lily die ganze Zeit über im Bad waren und alles mitgehört haben, muss Lily wohl oder übel eines der letzten Geheimnisse, das sie in ihrer Beziehung wahren wollten, lüften und in Marshalls Anwesenheit die Toilette benutzen. Doch anders als von beiden befürchtet, geht damit keine endgültige Entzauberung einher, vielmehr gelangen sie erleichtert zu der Erkenntnis, dass es für sie doch noch erste Male gibt.

Dieses Szenario radikalisiert Markus Wiebusch, der Sänger von Kettcar, der schon die Formulierung „rückläufige Entleerung als komplexes Reflexgeschenen“ in einem Songtext untergebracht hat (Rantanplan: Sterben), in seinem Text zu Rettung. Der Protagonist (im Folgenden wird von einer heterosexuellen Beziehung ausgegangen, obwohl der Text dies, anders als das Video, nicht vereindeutigt) hat zunächst mit seiner Partnerin in einem Club gefeiert – so weit, so rock’n‘roll. Betrunken machen sie sich auf den Weg zur Wohnung der Frau, wobei sie stärker betrunken zu sein scheint als er – bis hierhin immer noch rock’n’roll, die betrunkene Frau widerspricht lediglich bürgerlichen Vorstellungen von weiblicher Anmut und Sittsamkeit, im antibürgerlichen Rock’n’Roll hingegen ist Exzess positiv codiert. Würden die beiden jetzt enthemmt Sex haben und damit oder anderweitig öffentliche Ärgernisse verursachen, entspräche dies den Erwartungen, die man gegenüber Rocksongtexten hegt – zumal, wenn der Texter Mitglied mehrerer Punkbands (…But Alive, Rantanplan) war.

Durch die Reihung von drei mit ‚als‘ beginnenden temporalen Nebensätzen im dritten Versblock wird zusätzlich die Erwartung aufgebaut, dass etwas Spektakuläres bevorstehe. Jedoch bleiben diese Nebensätze grammatische Ellipsen, denn es folgt kein Hauptsatz; und auch auf der semantischen Ebene geschieht im anschließenden Refrain nichts, jedenfalls nicht im Sinne einer äußeren Handlung. Vielmehr wird dem Protagonisten offenbar in den beschriebenen Momenten, in denen seine Partnerin sich im Badezimmer übergibt, etwas klar: Er fasst Liebe ausdrücklich nicht als Emotion, schon gar nicht als abstrakten Gegenstand von Sehnsucht auf, sondern als Handeln, als Übernahme von Verantwortung für den anderen, gerade auch, wenn dies mit sich bringt, ihn in gemeinhin nicht als erotisch aufgefassten Situationen zu erleben: die Formulierungen „Als die Sabberfäden zart mein Ohr streiften“ [Hervorh. durch d. Verf.] und „[…] jetzt liegst du da, / und ich puhl Essen aus deinem Haar“ dekontextualisieren erotische Topoi (die zärtliche Berührung des Ohrs, die lasziv daliegende Frau, das In-den-Haaren-Spielen).

Dieser Auffassung von Liebe entspricht die nicht nur vom erzählenden Ich, sondern auch innerfiktional von den Liebenden verwendete Metaphorik, die Motive aus Katastrophenfilmen und Western sowie Phrasen aus Kriegsfilmen nutzt: Sie betont das solidarische Element der Liebesbeziehung, nicht das erotische.

Das weitere Verhalten des Protagonisten ist im Handlungsrepertoire von Rocksongtextfiguren nicht vorgesehen: Fürsorge. Die Perspektive auf die Folgen übermäßigen Alkoholkonsums, die hier eingenommen wird, ist eine ganz und gar pragmatische – sie werden nicht als ehrenhafte Konsequenzen heroischen Handelns idealisiert (das Sprecher-Ich in Sonntag morgen von Terrorgruppe etwa berichtet stolz davon, wie es in seiner mit diversen Ausscheidungen behafteten Kleidung in seinem Bett aufwacht), sondern es wird versucht, die körperlichen Konsequenzen abzumildern.

Bei all dem ist dem Sprecher-Ich nie anzumerken, dass es die aufgeführten Tätigkeiten ungern und nur pflichtschuldig verrichtet, im Gegenteil: Als seine Partnerin ihn auffordert, sie allein zu lassen, weil sie offenbar fürchtet, dass es ihre Anziehung auf ihn beeinträchtigen könnte, sie in diesem Zustand zu sehen, muss er sich selbst seine Auffassung von Liebe vergegenwärtigen. Denn er würde es offenbar vorziehen, bei ihr zu bleiben. In der anschließenden Abschiedsszene wird erneut ein traditionelles erotisches Motiv umgekehrt: Der Blick aus dem Türrahmen fällt nicht auf die noch Schlafende, deren Körper nur teilweise bedeckt ist, sondern ausdrücklich „auf das Bild des Elends“.

Nach so viel alltagspraktischer Zuwendung überrascht das hohe Pathos der auf dem Frühstückstisch – typischerweise eher Ort für Einkaufslisten als für Liebeserklärungen – hinterlassenen Nachricht. Es liegt nahe, das Sprecher-Ich als ihren Verfasser zu identifizieren, jedoch lässt der letzte Versblock mit seiner elliptischen Form auch die Lesart zu, dass es sich um eine von seiner Partnerin bereits vor dem Aufbruch dort deponierte Nachricht handelt, die er dort nach einer gemeinsam verbrachten Nacht vorfinden sollte.

Die Heroisierung des Beziehungsalltags, die das Paar in seinen Vertrautheit vermittelnden Zitat-Dialogen ebenso betreibt wie der Text insgesamt, steht im Gegensatz zu dem Liebesideal, das üblicherweise im jugendverherrlichenden Rock und Pop propagiert wird (→ z. B. Alphaville: Forever Young): Liebe erscheint dort als etwas, für das man eventuell sogar sterben würde („Would you die tonight for love?“ fragt etwa das Ich in Join Me von HIM), jedoch nicht als etwas, das man lebt. Dagegen hatte sich auch schon das Sprecher-Ich in Kettcars Balu entschieden, das zu seiner Partnerin sagt: „Vergiss Romeo und Julia. / Wann gibt’s Abendbrot? / Willst du wirklich tauschen? Am Ende war’n sie tot.“

Das Video zu Rettung setzt das Umschlagen von Alltäglichkeit in Pathos kongenial um: Die von den darin gezeigten zwei Leuten erzählte Geschichte darüber, wie sie ein Paar geworden sind, ist für sich genommen eher gewöhnlich; erst dadurch, dass beide sie bis in Details hinein identisch erzählen, wird die Bedeutung deutlich, die sie für dieses Paar hat, weil es eben ihre Geschichte ist. Und die Abgrenzung zur Rocktradition findet im Bild des beim Erzählen auf der nicht eingestöpselten E-Gitarre Herumklampfenden ihre Entsprechung.

Martin Rehfeldt

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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