Warmer Regen zur heiligen Hochzeit – Dalidas „Am Tag als der Regen kam“

Dalida

Am Tag als der Regen kam (Text: Pierre Delanoë/Ernst Bader)

Am Tag als der Regen kam, lang ersehnt, heiß erfleht,
auf die glühenden Felder, auf die durstigen Wälder,
am Tag als der Regen kam, lang ersehnt, heiß erfleht,
da erblühten die Bäume, da erwachten die Träume,
da kamst du. 

Ich war allein im fremden Land,
die Sonne hatt’ die Erde verbrannt,
überall nur Leid und Einsamkeit,
und du, ja du, so weit, so weit.
Doch eines Tages von Süden her,
da zogen Wolken über das Meer,
und als endlich dann der Regen rann,
fing auch für mich das Leben an,
jajaja, jajaja, ja! 

Am Tag als der Regen kam, lang ersehnt, heiß erfleht,
auf die glühenden Felder, auf die durstigen Wälder
Am Tag als der Regen kam, weit und breit, wundersam,
als die Glocken erklangen, als von Liebe sie sangen,
da kamst du, da kamst du.

     [Dalida: Am Tag als der Regen kam. Ariola 1959.]

Im deutschen Kulturleben des Wirtschaftswunderjahrs 1959 sorgten nicht nur die großen Nachkriegsromane Billard um halb zehn, Mutmaßungen über Jakob und Die Blechtrommel von Heinrich Böll, Uwe Johnson und Günter Grass für Aufsehen, sondern auch das Titellied eines Kriminalfilms von Gerd Oswald in der hinreißenden Interpretation einer ägyptischen Schönheitskönigin. Dalida (1933-1987, eigentlich Yolanda Christina Gigliotti) war ihr Künstlername, eine rauchig-erotische Stimme ihr Markenzeichen. Sie hatte sich bereits in Paris einen Namen als Sängerin gemacht, als sie sich mit ihrem Regensong anschickte, auch Schlager-Deutschland zu erobern. Gilbert Bécaud hatte die gefühlvolle Melodie dazu komponiert, Ernst Bader (1914-1999) den deutschen Text verfasst, der (nur) in einigen Motiven der französischen Vorlage von Pierre Delanoë folgt. Die ,technischen Daten’ dieser Erfolgsgeschichte präsentieren Ingo Grabowsky und Martin Lücke (Die 100 Schlager des Jahrhunderts. Hamburg: EVA, 2008, S. 198-200), ohne allerdings auf den Text einzugehen, der allerlei Interessantes zu bieten hat. Auch Werner Mezger hat sich diesen Titel, der 1959 lange die Hitlisten dominierte, für seine Gesamtbetrachtung des deutschen Schlagers entgehen lassen. Behandelt wurde der Schlager allerdings von Rüdiger Krohn als „Meteorologie des Herzens“ in Schlager die wir nie vergessen (Hg. Max & Moritz, Reclam: Leipzig, 1997, S. 70-74); dieser eher beschreibend als deutend verfahrende kleine Essay bekundet wiederholt Verblüffung, wenn nicht gar Unverständnis über den „denkwürdigen Widerspruch, daß da ausgerechnet die Folgen eines meteorologischen Tiefs für die Ausbildung eines emotionalen Hochs verantwortlich gemacht werden“, formuliert „Verdopplung und Umarmung“ als ästhetisches Bauprinzip und besitzt m.E. vor allem Verdienste hinsichtlich seiner Beobachtungen zur Melodieführung und Ausgestaltung des musikalischen Arrangements.

Im narrativen Zentrum des Schlagers steht die Erfüllung einer Sehnsucht, wobei uns der Einfall, privates Liebesglück und Naturbild parallel zu setzen, nicht sonderlich originell erscheint. Spätestens seit der Lyrik des jungen Goethe gehört so etwas zum kleinen Einmaleins der Zunft. Ein zweiter Blick richtet sich auf die Art des hier entworfenen Naturbildes und speziell auf das beträchtliche Pathos, das die Wortwahl vermittelt: Ein warmer, wohltätiger Regen (im Widersinn zum normalen meteorologischen Geschehen unserer Breiten „von Süden her“) – „lang ersehnt und heiß erfleht“ – erquickt und befruchtet das verbrannte Land und die dürstende Natur. Dalida evoziert hier nichts Geringeres als den uralten Menschheitsmythos einer Hierogamie („heiligen Hochzeit“) von Himmel und Erde, der aller Fruchtbarkeit zu Grunde liegt. Dass dazu im vorletzten Vers Glocken als traditionell sakrale Klangkörper bemüht werden, passt zur Situation. Werfen wir nun einen dritten Blick auf die Tempusgestaltung: Präteritum! Diese Zeitform erscheint mir ebenso ungewöhnlich wie spannend: Das lyrische Ich berichtet von einer früheren Zeit großer Not und ebenfalls zurückliegenden – wunderbaren – Ereignissen, die diesen Mangel aufgehoben und ins volle Glück gewendet haben: Wie der Regen dem Land, „weit und breit“, Erlösung brachte, so das Du dem jubelnden Ich.

Machen wir uns das ganz deutlich: Sehnsucht wird hier gerade nicht auf einen zukünftigen Horizont bezogen (→ Lale Andersen: Ein Schiff wird kommen, auch von Dalida gesungen, Brechts Lied der Seeräuber-Jenny), Glück wird auch nicht als etwas Zerbrechliches gefeiert (→ Lilian Harvey: Das gibt’s nur einmal; Die Mainzer Hofsänger: So ein Tag, so wunderschön wie heute) noch elegisch als Vergangenes oder Verlorenes erinnert (→ Willy Schneider, Man müßte noch mal 20 sein), sondern als erreichter und ,gehaltener’ Zustand, der Ich wie Kollektiv gleichermaßen beschenkt, mit einem siebenmaligen „Ja“ affirmiert. Diese Situation wird Zeitgenossen der aktuellen Euro-Krise vielleicht unheimlich erscheinen, klassisch Gebildeten womöglich die Ausgangssituation von Schillers Ballade Der Ring des Polykrates ins Gedächtnis rufen; ich glaube aber nicht, dass das Publikum der jungen Dalida so pessimistisch gestimmt war. Viele Menschen jener Aufbruchsjahre der jungen Bundesrepublik hatten die düstersten Stunden ihres Lebens hinter sich gebracht und konnten nun die ersten Früchte einer freundlicheren Gegenwart genießen – den ,warmen Regen’ des Wirtschaftswunders. Glückliche Zeiten! Die zahlreichen Reime, Lautkorrespondenzen und semantischen Parallelführungen des Textes unterstreichen die allgemeine Harmonie der hier beschriebenen Gefühls- und Weltlage auch formal.

Rüdiger Krohn (s.o.) begründet den Erfolg dieses Schlagers – der verbreiteten Theorie vom Eskapismus bzw. Surrogatcharakter des Genres folgend – aus dem Gegensatz des darin thematisierten Glücks „zur je eigenen Erfahrung des Hörers, in der Ablösung der nüchternen Empirie durch die bilderselige Empfindung“ und den „suggestiven Oberflächenreiz von Text und Musik“. Dem möchte ich entschieden widersprechen: Es sind vermutlich weniger die platten „Oberflächenreize“, die bestimmte Lieder mit überragender Popularität ausstatten, als subtile Berührungen tiefer seelischer Schichten, archetypische Erfahrungen, Emotionen, Sehnsüchte und Traumata. So dürften sich bei Dalidas Regensong nicht wenige Hörer(innen) – womöglich als Heimatvertriebene – mit der im Lied beschworenen Situation des Wartens auf ein Du – ein vermisstes Familienmitglied, einen späten Kriegsheimkehrer oder auch nur den ersehnten Liebespartner? – identifiziert und das bejubelte Happy End vielleicht selber erfahren, vielleicht aber auch nur erträumt haben.

Hans-Peter Ecker, Bamberg

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Über deutschelieder
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One Response to Warmer Regen zur heiligen Hochzeit – Dalidas „Am Tag als der Regen kam“

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