Selbst-Positionierung „Neuer Deutscher“. Samy Deluxe: „Dis wo ich herkomm“

Samy Deluxe

Dis wo ich herkomm

Ey, uh, Yeah, hört ihr das?
Das 'ne neue Perspektive auf die ganze Scheiße, haha!

Dies hier ist unser Deutschland
Dies hier ist euer Deutschland
Dies ist das Land, wo wir leben
Dies ist das neue Deutschland.
Dis wo ich herkomm.

Pass auf, es geht so: Hoff' ihr versteht's so.
Wir müssen was für unser Land tun, für unser Ego.
Dies ist der Startschuss für die Kampagne, es geht los
Ziele sind gesteckt und extrem groß, es ist phäno-
menal, egal, was ihr auch sagt.
Ich werd' beweisen, dass ich mehr für Deutschland mach' als der Staat,
Mit meinen Partnern, denn wir geben hier den Kids Perspektive,
Bisschen mehr Aufmerksamkeit und ein bisschen mehr Liebe,
Aber nicht wie Michael.
Ich schau mich um und habe Zweifel,
Wie es weitergehen soll in diesem Land, das meine Heimat ist.
Und ich seh' ein, dass die Vergangenheit hier nicht einfach ist,
Doch wir können nicht stehen bleiben, weil die Uhr immer weiter tickt - tick, tack.
Und wir haben keinen Nationalstolz
Und das alles bloß wegen Adolf - ja toll
Schöne Scheiße, der Typ war doch eigentlich 'n Österreicher.
Ich frag' mich, was soll das, als wäre ich Herbert Grönemeyer.
Die Nazizeit hat unsere Zukunft versaut,
Die Alten sind frustriert, deshalb badet die Jugend das aus.
Und wir sind es Leid zu leiden, bereit zu zeigen:
Wir fangen gerne von vorne an, Schluss mit den alten Zeiten.
Ich sag's mal so:

Dies hier ist unser Deutschland [...] 

64 Jahre nach 'm Krieg, 20 nach der Wende.
Das war kurz nach dem Mauerfall, krass, wenn ich dran denke,
7 Jahre nach der DM, 3 Jahre nach der WM
Ein' Monat waren wir kurz stolz, dann mussten wir uns wieder schämen, denn es heißt:
Wir haben beide Weltkriege gestartet,
vielleicht kann man da auch keine Selbstliebe erwarten, aber:
Was sollen wir tun? Etwa für immer depressiv sein,
Trotz den ganzen Fortschritten der kulturellen Vielfalt? – Nein, ich find nicht!
Ich will lieber etwas tun, deshalb red' ich mit den Kids an den Schulen
Denn ich glaub' immer noch an die Jugend und weiß, sie sind die Zukunft
Und brauchen bloß 'n bisschen Hoffnung.
Wenn man genauer hinschaut, ist Deutschland schon ganz in Ordnung.
Hier gibt es zumindest Chancen, was aus seinem Leben zu machen,
Gibt es noch eine Mittelschicht zwischen Reichen und Armen,
Gibt es noch eine Basis auf der man aufbauen kann.
Und ich wollte selbst schon weg von hier, Mann, ich war drauf und dran
Aber dann hab ich gesehen, dass dis is wo ich herkomm.
Scheiß' auf eure Bemerkung, ich scheiß' auf eure Bewertung – Was?
Ich bin ein deutscher Mann, so steht's in meinem Pass.
Und ich hab dieses Land hier fast mein ganzes Leben gehasst
Doch seh' jetzt:

Dies hier ist unser Deutschland [...] 

Und mir ist egal, ob du Wessi bist, Ossi bist, Pessimist, Optimist
Wie blank oder gestopft du bist,
Ob du nun hergezogen oder hier geboren bist.
Wenn du in diesem Land hier lebst, hoffe ich, dass du offen bist
für 'ne neue Rangehensweise, nicht mehr dieses Land ist scheiße,
Sondern es gibt viel zu tun, das hilft gegen die Langeweile,
Die wir anscheinend haben, weil wir uns die ganze Zeit beklagen,
Wie schlecht es ist, aber den ersten Schritt, damit es besser wird,
                                             den will hier keiner wagen.
Und ich sag das nicht, weil ich mich so schlau oder wichtig fühl,
Nur, weil ich mich durch meine Geschichte dazu verpflichtet fühl.
Das Land hat mir etwas gegeben, ich will was zurückgeben.
Früher dacht' ich: Fick Politik! Heut' will ich mitreden.
Im Land, das wir hassen.
Im Land, das wir lieben.
Im Land, wo wir leben.
Wer kann uns endlich Antworten geben?
Das Land ist schon ok, ich glaub, ich kann meinen Standpunkt vertreten,
Obwohl mich viele hier anschauen, wie von' nem and'ren Planeten.
Und ich bin nicht religiös, doch möchte anfangen zu beten,
Dass Leute endlich aufwachen und endlich anfangen zu reden
Über paar andere Themen als Promis, Fußball und Wetter,
Zum Beispiel wie man die Bedingungen unserer Jugend verbessert.
Und zwar jetzt, Mann,
Denn dies ist euer Deutschland
Ich sag's nur einmal

Dies hier ist unser Deutschland [...]

     [Samy Deluxe: Dis wo ich herkomm. EMI 2009.]

Die Zusammensetzung der in Deutschland lebenden Bevölkerung hat sich in den letzten Jahren signifikant verschoben. Der Trend hin zu einer Heterogenisierung der Sozialstruktur wird sich in den nächsten Jahrzehnten unvermindert fortsetzen:

Nach Daten des Statistischen Bundesamts umfasst die Gesamtheit der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland 15,3 Millionen. Das ist ein Anteil von 18,6 % an der Wohnbevölkerung. 8,9 % davon sind Ausländer; 9,7 % sind eingebürgerte Deutsche mit Migrationshintergrund. Betrachtet man die Teilgruppe derjenigen, die in Familien leben, ist der Anteil noch höher: In Deutschland gibt es derzeit nach Angaben des Mikrozensus 8,57 Millionen Familien, davon 2,33 Millionen mit Migrationshintergrund – das sind 27,2 %. In diesen leben etwa vier Millionen Kinder. Jedes dritte Kind unter fünf Jahren wächst heute in einer Familie mit Migrationshintergrund auf. (Carsten Wippermann und Berthold Bodo Flaig: Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten.)

Die Entwicklung in der Zukunft wird deutlich erkennbar, wenn man Menschen im Kindesalter isoliert betrachtet: „Jedes dritte Kind unter sechs Jahren hat einen Migrationshintergrund. In Ballungsräumen wie Frankfurt oder Berlin trifft dies bereits auf über 60 Prozent der Kinder zu, die im Jahre 2010 eingeschult wurden.“ (Naika Foroutan: Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten. Wer gehört zum neuen Deutschland?)

Dass sich Deutschland im Zuge der demographischen Entwicklung auch kulturell heterogenisiert, legen schon die demographischen Fakten an sich nahe. Kultur- und Sozialwissenschaftler prägen daher seit einigen Jahren den Begriff „Neues Deutschland“ bzw. „Neue Deutsche“. Die Begrifflichkeit ist dabei noch nicht klar definiert. Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan schlug im Jahr 2010 folgende Definition vor:

Denkbar wäre es […], die „Neuen Deutschen“ einer Ideenwelt zuzuordnen – einer Betrachtung, die mit einem neuen Blickwinkel einhergeht: Deutschland als Einwanderungsland […]. Das postmoderne Deutschland als plurales, multiethnisches, vielfältiges Bürgerland. In diesem Sinne wären die „Neuen Deutschen“ die Bürger eines hybriden, neuen Deutschland, das es in seiner heterogenen Komposition schon längst gibt. Die Trennung [zwischen „alten“ und „neuen“ Deutschen, F.G.] würde entlang einer Haltung und Einstellung verlaufen. Hier wäre der Begriff in einer gesellschaftspolitischen Arena eingebettet und könnte als ein postmodernes Konstrukt verstanden werden, um Identitätsbildungsprozesse als prinzipielle Inklusionsprozesse zu verstehen. Es könnte verdeutlichen, dass die ehedem ethno-kulturellen Zuschreibungskriterien für „deutsch“ nicht die reale Bevölkerungsstruktur und Zusammensetzung des Landes widerspiegeln, sondern auf essenzialisierenden Konstruktionen von Kultur, Nation und Ethnie beruhen. (Ebd., S. 13)

Einen guten Einblick in Selbst-Positionierungen „Neuer Deutscher“ in diesem Sinne können z.B. Songs der Hip-Hop-Szene geben. Der 1977 in Hamburg geborene Rapper Samy Sorge (Künstlername: Samy Deluxe) zählt zu den derzeit kommerziell erfolgreichsten Hip-Hoppern Deutschlands. Seine Erfahrungen als Deutscher „mit Migrationshintergrund“ (er ist Sohn eines sudanesischen Vaters und einer deutschen Mutter) verarbeitete er 2009 in dem Album Dis Wo Ich Herkomm.

Paradox scheint zunächst der negative Vulgärausdruck „die ganze Scheiße“: Bestimmte Haltungen gegenüber dem Thema scheinen an ihre Grenzen geraten zu sein. Der Song versucht dann, die Einstellungen seiner Hörer gegenüber Deutschland zu korrigieren.

Die Possessivpronomina „unser“ und „eurer“ im Refrain, welche vorderhand verschiedene soziale Gruppen voneinander abgrenzen, beziehen sich hier gleichwohl auf denselben Begriff – „Deutschland“ –, welcher dann in der dritten Wiederholung mit einem qualifizierenden Adjektiv als „das neue Deutschland“ näher bezeichnet wird. Der Sprecher vermutet aufgrund der Neuheit seines Ansatzes Verständnisprobleme seines Zielpublikums („hoff ihr verstehts so“); umso begeisterter preist er seinen Vorschlag als „phänomenal“: Es handelt sich, so wird schnell klar, um einen Aufruf zu Eigeninitiative unabhängig vom Staatshandeln, insbesondere um intensive Zuwendung zu Angehörigen jüngerer Generationen.

Grund für den Aufruf zur Initiative ist die Besorgnis um den Zustand Deutschlands, für das er diesmal – für sein Publikum provozierend? – sogar den emphatischen, emotional aufgeladenen Begriff „Heimat“ verwendet. Allerdings vermisst er positive Identifikationsangebote, deren Fehlen durch die deutsche Vergangenheitsaufbereitung nach dem Zweiten Weltkrieg bedingt sei. Provokant fordert er einen Schlussstrich unter die schuldbewusste Beschäftigung mit der NS-Zeit in Deutschland zu ziehen, um einen gemeinsamen Neuanfang in einem „Neuen Deutschland“ zu beginnen.

Es gilt als Konsens in der deutschen Gesellschaft der Nachkriegszeit, dass man die Verantwortung für die Verbrechen der Nazi-Zeit, insbesondere für die massenhafte Ermordung von Juden übernehme. Eine systematische Beschäftigung mit der dunklen deutschen Vergangenheit von 1933 bis 1945 war für jeden in Deutschland Beschulten seit den 1970er Jahren selbstverständlich. Seit jedoch in zunehmendem Maße Kinder mit Migrationshintergrund in den deutschen Klassenzimmern sitzen, verliert die Art der betroffenen Geschichtsbehandlung merkbar an Wirkung. Das zeigen mehrere Texte aus dem Sammelband Transit Deutschland. Debatten zu Nation und Migration (2011), welcher in insgesamt 252 Quellentexten zentrale Aspekte des Themas dokumentiert und zugleich durch chronologische Anordnung innerhalb der Teilaspekte zeigt, wie sich Deutungsmuster zum Thema Migration in Deutschland seit den 1950er Jahren bis in die unmittelbare Gegenwart entwickelt haben. Der muslimische Kulturhintergrund einer großen Zahl deutscher Schüler im 21. Jahrhundert erfordert eine Neuformulierung der „großen deutschen Erzählung“. Özlem Topçu und Heinrich Wefing berichteten 2010 von einer Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, die den Versuch unternimmt, den für das deutsche Selbstverständnis ganz wesentlichen Komplex der Judenermordung auch im „Neuen Deutschland“ zu verankern. Der Gründer der Initiative, Aycan Demirel, beschreibt die Problematik im Jahr 2010 folgendermaßen:

Ich habe begriffen, dass die Jugendlichen und ihre Familien Juden nicht als Opfer wahrnehmen – sondern als Täter. Als Besatzer, Unterdrücker, als israelische Soldaten, die Palästinenser erschießen“. Der historische Bezugsrahmen dieser Kinder und ihrer Familien sei nicht der Mord an sechs Millionen Juden in Europa, sondern seien die Konflikte im Nahen Osten. Die Frage, die er immer wieder in Kreuzberger und Neuköllner Schulen höre, sei: „Warum geht es in Deutschland immer nur um die Juden? Wo ist unsere Geschichte?“ (Transit Deutschland, S. 429)

Die Antwort ist bedenkenswert:

Sie kommt nicht vor. Migranten sind in der großen deutschen Erzählung, in der es um die Erinnerung an die NS-Verbrechen und den anspruchsvollen Umgang mit dieser Erinnerung geht, nicht vorgesehen. Nicht als Zuhörer und schon gar nicht als Akteure mit einer eigenen Perspektive. Aber wie lange kann das so bleiben in einem Land mit mittlerweile mehr als 15 Millionen Menschen, die keine familiären Bezüge zur deutschen Vergangenheit haben? (ebd.)

Ein weiteres zentrales geschichtliches Ereignis, welches das deutsche Selbstverständnis entscheidend in ein Davor und ein Danach teilt, ist der Fall der Mauer im Jahr 1989. Wie neuere empirische Forschungen der Berliner Migrationsforscherin Nevim Çil (Türkische Migranten und der Mauerfall. In: Transit Deutschland) gezeigt haben, wird etwa die Perspektive türkischer Migranten auf den Mauerfall aus der deutschen Geschichtserzählung komplett ausgeschlossen. Ein gemeinsam getragene geschichtliche Erinnerung in Deutschland, so das Ergebnis, gibt es bis auf weiteres nicht. Nevim Çil vermutet gar eine tiefe Zäsur im Integrationsprozess, die durch die gesellschaftlichen Veränderungen nach 1989 bedingt sei:

Mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung im Jahr 1990 endeten diese Bestrebungen der Nachkommen, so werden zu wollen wie Deutsche. Die Rückbesinnung der Mehrheitsgesellschaft auf Kategorien ethnischer Herkunft entriss dieser Nachkommengruppe die Grundlage, eine Zugehörigkeit zu Deutschland jenseits von biologisch determinierter Abstammung zu formulieren. Der gesellschaftliche Raum in Deutschland wurde verengt auf die Unveränderbarkeit der ethnisch-sozialen Herkunft. […] Die Ereignisse von 1989/90 nehmen eine entscheidende Schlüsselposition in der Zugehörigkeit insbesondere der jüngeren Migrantengeneration ein. Sie werden als eine Zäsur in der Beziehung zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und den türkischen Migrantinnen und Migranten betrachtet. (Transit Deutschland, S. 146f.)

Samy Deluxe bietet sich selbst als Identifikationsfigur für Migranten bzw. für deren Nachkommen an, die scheinbar an der Integration gescheitert sind, wenn er erklärt, auch er dachte schon an „Auswanderung“ aus dem Land, das er „fast sein ganzes Leben gehasst“ habe. Trotz möglicher Ablehnung von Seiten seines Zielpublikums („scheiß auf eure Bemerkung ich scheiß auf eure Bewertung“) schlägt er einen Perspektivwechsel vor: Verglichen mit vielen anderen Ländern der Welt, insbesondere vielen Herkunftsländern von Migranten und deren Nachkommen, biete Deutschland doch eine realistische Chance zur Selbstverwirklichung, eine „Basis, auf der man aufbauen kann“. Auch die deutsche Staatsangehörigkeit, die er besitzt, bringt ihm zu dem Schluss, die Gesellschaft, in die er eben hineingeboren wurde, positiv anzunehmen und sein Leben in Deutschland zu meistern.

Das „neue Deutschland“ sei durch eine „neue Herangehensweise“, die sich durch Inklusion und Offenheit auszeichnet, zu konstruieren. Das offizielle Video des Songs illustriert dieses neue Deutschlandbild durch die Aneinanderreihung verschiedenster Menschentypen. Deutlich wird: Die Definitionsmacht darüber, was Deutschland sei, soll nicht mehr in den Händen tonangebender Publizisten liegen, die eine „Leitkultur“ vorzugeben versuchen, in die sich dann jedermann zu integrieren hätte. Resignierte Langeweile, Selbstmitleid oder eine beleidigte Rückzugshaltung als Reaktion auf Ausgrenzung lehnt Samy Deluxe ab. Er plädiert vielmehr für ein soziales Engagement und Eigeninitiative.

Wie sich das hier thematisierte Deutungsmuster „Neue Deutsche“ in den letzten Jahrzehnten verändert hat, vermag ein vergleichender Blick auf einen Hip-Hop-Song der Gruppe Advanced Chemistry aus dem Jahr 1992, Fremd im eigenen Land, zu zeigen. Es dominiert dort durchgängig eine anklagende Position gegenüber einer rassistisch eingestellten deutschen Mehrheitsbevölkerung, die andersfarbige Deutsche systematisch diskriminiere. Als Antwort auf die Diskriminierung wird der Selbstausschluss aus dem Gesellschaftsleben deklariert: „Dies ist nicht meine Welt […].“ Die positive Alternative bleibt sozial unwirksam und dient lediglich der Aufwertung der sich abgrenzenden Eigengruppe: „Ich bin erzogen worden die Dinge anders zu sehen: / Hinter Fassaden blicken, Zusammenhänge verstehen. / Mit Respekt en direct zu jedem Menschen stehen! / Ethische Werte, die über nationale Grenzen gehen!“

Eine Alternative zu abgrenzender Konfrontation sieht Advanced Chemistry Anfang der 1990er Jahre noch nicht. Der Song Dis wo ich herkomm markiert somit einen Fortschritt in Haltung und Selbstbewusstsein der „Neuen Deutschen“ als Teil Deutschlands im 21. Jahrhundert.

Florian Gräfe, Guadalajara (México)

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

2 Responses to Selbst-Positionierung „Neuer Deutscher“. Samy Deluxe: „Dis wo ich herkomm“

  1. Ulrike Weber says:

    Schade, dass man das Video nicht ansehen kann!

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