Teufel, Geld und Biosprit – Kollektivsymbolik der Krise in Hubert von Goiserns „Brenna tuat‘s guat“

Hubert von Goisern

Brenna tuat‘s guat

wo is da platz
wo da teufel seine kinda kriagt
des is da platz
wo all's z'samm rennt
wo is des feuer
hey wo geht 'n grad a blitz nieder
wo is 'n da der stadl
wo de hütt'n de brennt

hab'n ma pech oder an lauf
fall'n ma um oder auf
samma dünn oder dick
hab'n an reim oder glück
teil ma aus, schenka ma ein
toan ma uns abi oder g'frein
war'n ma christ hätt ma gwisst
wo da teufel baut in mist

jeder woass, dass a
geld nit auf da wiesen wachst
und essen kann ma's a nit
aber brenna tat's guat
aber hoazen toan ma woazen
und de ruabn und den kukuruz
wann ma lang so weiter hoazen
brennt da huat

wo is des geld
des was überall fehlt
ja hat denn koana an genierer
wieso kemman allweil de viara
de liagn, de die wahrheit verbieg'n
und wanns nit kriagn was woll'n
dann wird's g'stohln,
de falotten soll der teufel hol'n

da is da platz
wo da teufel seine
kinda kriagt
wo all's z'sammrennt
und da geht a
in oana tour a blitz nieder
und de hütt'n brennt
grad in den moment

jeder woass, dass a
geld nit auf da wiesen wachst
und essen kann ma's a nit
aber brenna tat's guat
aber hoazen toan ma woazen
und de ruabn und den kukuruz
wann ma lang so weiter hoazen
brennt da huat

     [Hubert von Goisern: EntwederUndOder. Blankomusik 2011.
     Text zitiert nach: http://www.hubertvongoisern.com/entwederundoder/liedtexte.html]

Der Österreicher Hubert von Goisern hat mit seinem Lied Brenna tuat’s guat, der ersten Auskopplung aus seinem aktuellen Album EntwederUndOder, einen musikalisch-gesellschaftskritischen Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen geliefert. Das Lied wurde als Krisensong apostrophiert und führte fünf Wochen hindurch in den Österreichischen Charts.

Im Folgenden möchte ich den Song aus interdiskursanalytischer Sicht (Jürgen Link) beleuchten: Kurz zusammengefasst geht die Interdiskurstheorie davon aus, dass moderne Gesellschaften infolge zunehmender Wissensteilung das in Spezialsektoren zerfallende Wissen reintegrieren müssen. Dies geschieht etwa in Literatur, Film, Massenmedien oder aber auch in Liedtexten. Um spezialdiskursive Komplexität allgemeinverständlich zu „übersetzen“, stehen unterschiedliche Verfahren zur Auswahl: Neben der Narrativisierung, der Verwendung von Schemata (Gut vs. Böse) usw., sind es vor allem Kollektivsymbole, die Wissen anschlussfähig machen. Durch metaphorische Begriffe wie „Bankenrettungsschirm“, „Finanzblase“ oder „Schuldenbremse“ werden hochkomplexe Sachverhalte auch im Alltag verhandelbar. Dies kann an Goiserns Krisensong besonders anschaulich dargestellt werden.

Metaphernkomplexe lassen sich jeweils nach ihrem Bild- und ihrem Bedeutungsbereich analysieren. Was den Bildbereich betrifft, so durchziehen drei Isotopien, also bedeutungstragende Strukturen mit iterativ auftretenden Elementen, den Text:

Eine erste zusammenhängende semantische Struktur stellt die volkstümliche Teufel-Motivik (gemeinsam mit zwei episodischen und rudimentär zitierten Erzählungen: Brand des Stadls durch Blitzschlag, Geburt der Kinder des Teufels) dar. Eine zweite Struktur entsteht durch das brennende Geld, das im Refrain explizit angesprochen wird. Ein dritter Symbolkomplex wird durch das Verbrennen von Lebensmitteln, ebenfalls im Refrain, angesprochen. Unschwer lassen sich, nicht zuletzt durch die Stellungnahmen des Musikers selbst, den Bildelementen Bedeutungsebenen (im Sinne der barocken Emblematik werden diese auch als subscriptio-Elemente bezeichnet) zuordnen: Die Metapher vom gut brennenden Geld steht für die ökonomischen Verluste infolge der Bank- und Finanzkrise seit 2008, das Verbrennen von Lebensmitteln für die Diskussion um Biotreibstoffe.

Als kombinationsfähig erweisen sich die Isotopien durch die Feuer-Motivik: Sowohl das Verbrennen des Biosprits („aber hoazen toan ma woazen / und de ruabn und den kukuruz“), die Erwähnung eines Sagenbestandes („in oana tour a blitz nieder / und de hütt’n brennt“) als auch die umgangssprachliche Formulierung vom Verheizen des Geldes („aber brenna tuat’s guat“) lassen sich dadurch zu einem expandierenden Symbolkomplex integrieren. All diese kollektivsymbolischen Krisensymptome werden aggregiert in der Phrase „brennt da huat“. Der „Stadl“ wird gleichsam zum Stellvertreter des Globalen („und de hütt’n brennt / grad in den moment“).

Das Kollektivsymbolsystem ist darüber hinaus auch erweiterbar: Die Feuer-Metaphorik erweist sich als an die elementar-literarische Darstellung der Klimaerwärmung ebenso anschlussfähig wie an die Vorstellung der Hölle oder des Fegefeuers. Auch das sich in heiße Luft bzw. in Asche auflösende Geld schließt metaphorisch an die Realfiktion eines im Grunde nur durch das Vertrauen seiner Benutzer besicherten Papiergeldes an.

Die diskursive Elaboriertheit des Finanzmarktgeschehens und seine Zusammenhänge werden im Lied selbst thematisiert: „wo is da platz / wo da teufel seine kinda kriagt […] / wo is des feuer / hey wo geht ’n grad a blitz nieder / wo is ’n da der stadl / wo de hütt’n de brennt“. Von den beiden volkstümlichen Sagen gerahmt, wird die Finanzkrise durch ein mythisierendes Äquivalenzdenken gefasst, das eben danach fragt, wo der Platz des durch Blitzschlag brennenden Stadls oder der, an dem der Teufel Kinder bekommt, sich verbirgt. Das Abstrakte des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus soll in volkstümlichen Sagen seine Konkretisierung erfahren.

Mit der Kritik an fehlender christlicher Moral wird, entsprechend der elementardiskursiven Integration von Wissen, nicht nur ein bestimmter Wertekonservativismus im Lied fassbar („war’n ma christ hätt ma gwisst / wo da teufel baut in mist“), sondern auch eine leicht verständliche Krisenerklärung geboten: Die Wirtschaftskrise ist keine systemische, sondern eine moralische („wo is des geld / des was überall fehlt / ja hat denn koana an genierer / wieso kemman allweil de viara / de liagn, de die wahrheit verbieg’n / und wanns nit kriagn / was woll’n / dann wird’s g’stohln“). Die Nebensächlichkeit anderer indikativischer Eigenschaften und Zustände („hab’n ma pech oder an lauf fall’n ma um oder auf“) wird der Konjunktiv der einzig wirklich wichtigen Eigenschaft („war’n ma christ hätt ma gwisst“) gegenübergestellt. Auf die eingangs gestellte Frage, wo denn der Platz des Teufels sei, folgt dementsprechend auch die erwartbare Antwort: Dort, wo wegen des Geldes gelogen und bestohlen wird („Da is da platz / wo da teufel seine / kinda kriagt / wo all’s z’sammrennt / und da geht a / in oana tour a blitz nieder / und de hütt’n brennt / grad in den moment“).

Die Mythologisierung der Finanzkrise und ihre Reformulierung im Modus des Interdiskursiv-Verständlichen sollte freilich auch hinterfragt werden: Christliches Wirtschaftsethos hätte die Krise ebensowenig verhindert wie die Erklärung der Krise als moralisches Fehlgehen ausreichend ist. Das kreative Potenzial der interdiskursiven Verfahren liegt darin, Spezialdiskurse in neue und unerwartete Kollektivsymbolsysteme zu übertragen und diese zu überraschend neuen und innovativen Komplexen miteinander zu verbinden. Blickt man auf die Rezeption des Songs, so ist dies Hubert von Goisern zweifelsohne gelungen.

Alexander Preisinger, Wien

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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