Gerappte Dialogizität. „Wer bin ich?“ von Torch

Torch

Wer bin ich?

Yeah, Torch and Toni L, once again, come on!

Toni L: Ich inszenier das Intro hier,
stehe immer hinter dir, hab alles im Visier
so bitte informier, involvier, interpretier
den Leuten und mir das Bild von dir!

Torch: Wer bin ich? Torch der Täter, der Träumetöter,
der Zungenbrecher, der Rächer [,] der Nachrichtensprecher
der Spielverderber, der Wachrüttler, der schreiende Wecker
der Sündenbock, Legende in Leder und Lieblingsrapper,
bin der Besserwisser, Rap Patriot, ewige Aufklärer,
der Klugscheißer, der Märchenerzähler.
Wer ich bin? Der Ruhestörer, Schmierer, Porno-Star,
der Technics-Starttasten-Drücker ist wieder da
bin das Gegenteil von 'nem Flaggenhisser, bin der Rapper-Disser,
der Politiker-durch-die-Nase-Pisser,
der Typ der im Zug gegenüber sitzt und schreibt,
das Abteil zusammenschreit obwohl er ganz still schweigt,
der Lebenslügner, der tägliche Täter,
der heilige Held, dummer Denker, feiger Verräter,
der Hip Hop Hehler, der lästige Lehrer,
das Sex-Symbol, ignorantes Idol voller Fehler,
wer ist out und wer ist in?
Lasst mich in Ruh' mit dem Scheiß und sagt mir wer ich bin!

Toni L: Bist du nicht der, der auf VIVA moderierte, in Graffiti investierte,
alles mit Tags bombardierte? Der meist zitierte, gesampelte, kopierte,
der Freestyle auf Deutsch als erstes präsentierte?
Bist du nicht die Nummer Eins, mit den legendären Rhymes des Kapitel 1
Meilensteins und warst du nicht einst als Zulu-King bekannt,
fremd im eigenen Land, der mit dem AC Funk die Welt verbrannt,
Blauer Samt?
Torch: NEIN!

Torch: Ich bin ein Spinner, Königstiger im Zwinger,
bin der für-Mama-den-Mül- Runterbringer,
der niemals Nationalhymnen-Singer,
der letzte überlebende Überbringer von Kritik an Axel Springer,
bin der TONI L Fan, der RAMELZEE Fan,
der RICK SKI LSD Fan,
bin der Poet, Prolet, Prophet, Magnet,
Majestät, Interpret der auf der Bühne steht.
MC TORCH an der Uni nennen sie's
Homo Hip Hop Sapiens Heidelbergensis,
wer ist out und wer ist in?
Sag mir doch einfach wer ich bin!

Toni L: Bist du nicht der, der auf VIVA moderierte, in Graffiti investierte,
alles mit Tags bombardierte? Der meist zitierte, gesampelte, kopierte,
der Freestyle auf Deutsch als erstes präsentierte?
Bist du nicht die Nummer Eins, mit den legendären Rhymes des Kapitel 1
Meilensteins und warst du nicht einst als Zulu-King bekannt,
fremd im eigenen Land, der mit dem AC Funk die Welt verbrannt,
Blauer Samt?
Torch: NEIN!

(Scratches)

     [Torch: Blauer Samt. V2 Records 2000.]
 -

Rap-Musik besitzt nicht nur im Bezug auf ihre Entstehungsgeschichte ein komplexes Wesen. Auch als literarische Gattung bleibt sie unter mehreren Gesichtspunkten problematisch. Grundsätzlich handelt es sich bei Rap-Texten um Musikstücke. Das ist wichtig, denn ein solcher Text entsteht unter der Voraussetzung akustisch wahrgenommen zu werden. Dem Rapper steht somit auch außerhalb der rein textuellen Ebene ein breites Instrumenten-Spektrum zur Verfügung. Für literaturwissenschaftliche Zugriffe bereitet dieser Umstand durchaus Probleme, denn der Philologe ist in der Regel nicht dafür ausgebildet, prosodische Aspekte, zum Beispiel Lautstärke oder Veränderung des Stimmcharakters eines ‚gesungenen‘ Texts, adäquat zu untersuchen, wenn er eine Textanalyse anfertigt. Beim Rap liegt ein Schwerpunkt auf dem Text, dennoch besitzt dieser stets einen speziell für ihn angefertigten Klangteppich, was zu weiteren eher musikwissenschaftlichen Problemen führt.

Ein weiterer ähnlich komplizierter Zusammenhang besteht im Verhältnis zwischen dem Sprecher-Ich und dem realen Autor einer solchen Komposition. Die historische Person des Rappers und das Sprecher-Ich eines Rap-Textes können nicht leichtfertig gleichgesetzt werden. Denn obwohl autobiographische Bezüge gang und gäbe sind, würde eine solche Betrachtung den oft höchst anspruchsvollen Werken nicht gerecht. Erst eigene Erfahrungen schaffen dem Medium eine authentische Grundlage, auf der sich dann die verschiedensten thematischen Schwerpunkte ausbreiten können. Autobiographische Bezüge, die von den Zuhörenden durchaus erwartet werden, ermöglichen somit einen Referenzpunkt zur Allgemeinheit. Mit Hilfe verschiedenster Abstraktionsmechanismen wird individuelle Erfahrung einem universellen Charakter zugeführt. Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Tricia Rose argumentiert in ihrer 2008 erschienenen Untersuchung The HipHop Wars (New York: Basic Books) dahingehend, dass jenes „[…] hyper-investment in the fiction of full-time autobiography in hip hop“ sowohl als das Resultat eines ‚Authentizität-Zwangs‘ als auch als historische Folgewirkung sozial-problematischer Bedingungen für gesellschaftlich benachteiligte Jugendliche im Kontext der post-industriellen Großstadt zu verstehen sei (S. 41ff). Die Inszenierung einer auto-biographischen Aura, die sich gleichzeitig als Selbstbewusstsein-generierende Strategie beschreiben lässt, verschärft dabei zwar das Verhältnis von Fiktion und Faktischem, kann letztlich aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich auch bei Rap-Stücken um literarisch-musikalische Kunstwerke handelt. Der Song Wer bin ich? macht die Verschränkung beider Dimensionen deutlich erkennbar. Zunächst fragt sich hier zwar der Künstler Torch, mit bürgerlichem Namen Frederik Hahn, ganz persönlich, wer er eigentlich ist. Durch die vom Rapper dabei angebrachten inhaltlichen Akzentuierungen und verwendeten rhetorischen Techniken evoziert das Lied die Fragestellung aber ebenfalls bei seinen Hörern. Auffällig an besagtem Text ist zuvorderst eine Vielzahl von geschickt aneinandergereihten Alliterationen.

Der Lebenslügner, der tägliche Täter,
der heilige Held, dummer Denker, feiger Verräter,
der Hip Hop Hehler, der lästige Lehrer,
das Sex-Symbol, ignorantes Idol voller Fehler

Die Disposition der verschiedenen Bedeutungseinheiten schaffen dabei zum Teil schon selbst („dummer Denker“), spätestens aber im Verhältnis zueinander, widersprüchliche Sinnzusammenhänge („heilige[r] Held“ ? „feiger Verräter“). Die so generierten vielschichtigen Antithesen und paradoxen Selbsteinschätzungen sind bis auf einige direkte persönliche Bezüge von allgemeiner Natur und symbolisieren auf diese Weise den höchst komplexen Charakter von Identität. Sie verdeutlichen also, dass eine moralische Verortung der Frage in Simplizismen wie gut und böse, richtig oder falsch nicht funktioniert. Des Weiteren weisen auch formale Kriterien auf das schwer fassbare Wesen des Hauptthemas Identität hin. So etwa die unterschiedliche Länge der beiden Strophen des Liedes, was in Rap-Texten eher die Ausnahme darstellen dürfte. Einige persönliche biografische Verankerungen („Legende in Leder“ etwa bezieht sich auf das markante Outfit Torchs bei seinen ersten Auftritten mit der Gruppe Advanced Chemistry.) sowie der von Toni L dargebotene Refrain, bringen den echten, sprich faktisch greifbaren Menschen Frederik Hahn kontinuierlich zurück ins Spiel. Vor allem der Chorus, indem er Torchs messbare biographischen ‚Erfolge‘ in Reimform auflistet.

Bist du nicht der, der auf VIVA moderierte, in Graffiti investierte,
alles mit Tags bombardierte? Der meist zitierte, gesampelte, kopierte,
der Freestyle auf Deutsch als erstes präsentierte?
Bist du nicht die Nummer Eins, mit den legendären Rhymes des Kapitel 1
Meilensteins und warst du nicht einst als Zulu-King bekannt, fremd im eigenen Land,
der mit dem AC Funk die Welt verbrannt, Blauer Samt? NEIN!

Das Stück pendelt somit ständig zwischen individueller und allgemeiner Ebene hin und her und dies auf eine solch gekonnte Weise, dass niemals der Eindruck erweckt wird, es handle sich entweder um eine reine Selbstdarstellung oder ausschließlich allgemeine Behandlung der Frage nach dem Wesen von Identität. Rapper schildern demnach durchaus persönliche Erfahrungen, in Rap-Texten gewinnen diese Inhalte aber nicht selten eine allgemeingütige Dimension, die weit über die persönliche Lebenswelt des jeweiligen Künstlers hinausweisen kann. Auf diese Art ist es der Gattung möglich, ein äußerst effektives Identifikationspotential zu entwickeln.

Das Stück Wer bin ich? folgt seinem Aufbau nach zunächst einmal den üblichen Machregeln eines konventionellen Rap-Liedes. Es besitzt ein Intro, sowie zwei durch einen Refrain jeweils voneinander getrennte Strophen. Genauer betrachtet lässt sich hier das angewandte Prinzip der Dialogizität erkennen, und das auf mindestens zwei verschiedenen Ebenen. Zum einen ’sprechen‘ zwei verschiedene ‚Figuren‘ miteinander. Die Introduktion und den Refrain des Stückes übernimmt Toni L, während Torch die beiden Strophen ausfüllt.

Ich inszenier das Intro hier,
stehe immer hinter dir, hab alles im Visier
so bitte informier, involvier, interpretier
den Leuten und mir das Bild von dir!

Anhand der einleitenden Verse wird eines bereits zu Beginn des Songs ganz deutlich: Toni L verkörpert eine Sicht von Außen und das ist zunächst auch ganz persönlich gemeint („Ich […]stehe immer hinter dir, interpretier den Leuten und mir das Bild von dir!“). Betrachtet man im Gegensatz dazu den von ihm präsentierten Refrain, so wird eine weitere Dimension der Außenperspektive sichtbar. Hierbei zählt Toni L Torchs persönliche ‚Leistungen‘ chronologisch auf (erster Rapper, der auf deutsch rappte, die Sendung Freestyle auf VIVA moderierte usw.) und repräsentiert somit zugleich eine öffentliche Sicht auf den Künstler. Damit umrahmen die individuelle Außenansicht des Freundes sowie eine gesamtheitlich öffentliche Perspektive das Individuum Torch. Dieser tritt sozusagen mit beiden Ebenen in einen selbstkritischen Dialog ein.

Innerhalb des Stückes Wer bin ich? fällt auf, dass das Stellen von Fragen die grundlegende Methode des Textes darstellt, um eine Auseinandersetzung mit dem Thema zu fokussieren. Wie weit diese Methode reicht, verdeutlichen die folgenden Verse exemplarisch: „bin der Poet, Prolet, Prophet, Magnet, / Majestät, Interpret, der auf der Bühne steht.“

Die zentrale Leitfrage des Lieds („Wer bin ich?“) wird durch die besagten Reime nicht beantwortet sondern unmittelbar mit einer Reihe neuer indirekter Fragen konfrontiert. Der Text teilt zwar durchaus mit, dass Torch ein Interpret sei, stellt durch die Aneinanderreihung verschiedener Aspekte dieser Tatsache aber sofort die nächste weiterführende Frage: was ist denn überhaupt ein Interpret? Das Lied verfolgt also die Herangehensweise die ‚bekannten‘ Seiten der Persönlichkeit Torch aufzuzeigen – in diesem Falle dessen Beruf(ung) – gleichzeitig aber tiefgründiger nach deren kompliziertem Wesen zu fragen und somit eine vielschichtige Betrachtung der verschiedenen Facetten zu ermöglichen. Das gleiche Prinzip lässt sich für die gesamte erste Strophe behaupten, in welcher Torch im Wesentlichen nicht mehr mitteilt, als dass er ein Rapper sei. Der Text belässt es wiederum nicht dabei und entwickelt über die Präsentation ambivalenten Attribute eine weitere kritische Hinterfragung des Faktums: was ist beziehungsweise wie sollte ein Rapper eigentlich sein? Neben so geschickt hinterfragten Subthemen, weist der Text auch formal eine ganze Reihe von direkt gestellten Fragen auf („Wer bin ich?“, „[W]er ist out und wer ist in?“). Der ganze Refrain wird zum Beispiel als eine solche eingeleitet („Bist Du nicht der, der […]“). Torch beantwortet, den auf diese Weise konzipierten Refrain, deutlich mit einem klaren NEIN und lässt keinen Zweifel daran, dass er keine simple Antwort auf die Frage – wer bin ich? – geben möchte. Er will vielmehr wissen wer eigentlich in und out ist? Eine durchaus mehrdeutige Aussage, denn zum einen fragt der Text hier zunächst einmal nach der Popularität des Künstlers, zum anderen impliziert die Frage ganz wörtlich genommen aber auch die im gesamten Text stets präsente Thematik zwischen Innen und Außen, zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Neben direkt gestellten Fragen besteht das Stück vor allem aus einer Vielzahl von polemisierenden Selbsteinschätzungen. Die Attribute, welche der Rapper sich im Text dabei selbst zuweist, stehen sich nicht selten diametral gegenüber.

Wer bin ich? Torch der Täter, der Träumetöter,
der Zungenbrecher, der Rächer, der Nachrichtensprecher
der Spielverderber, der Wachrüttler, der schreiende Wecker
der Sündenbock, Legende in Leder und Lieblingsrapper,
bin der Besserwisser, Rap Patriot, ewige Aufklärer,
der Klugscheißer, der Märchenerzähler.

„Träumetöter“ oder „ewige[r] Aufklärer“? „Spielverderber“ oder „Wachrüttler“? Auf eine dialektische Art versucht Wer bin ich? die verschiedenen Nuancen eines Themas zu ergründen. Verbunden mit der beide Strophen abschließenden Frage, „wer ist out und wer ist in?“, erscheinen die ausgewählten Verse unter einem weiteren Aspekt. Bezieht man Frage und Verse auf einander, beschreibt der Text nicht nur, wie der Erzähler sich selbst einschätzt, sondern fragt ebenfalls nach dem Ursprung dieser Wahrnehmung. Welche Verbindung besteht zwischen Popularität und der Sicht auf sich selbst, wie gestaltet sich das prozesshafte Wechselspiel von Einflüssen und Einschätzung? Eine Frage, mit der das Stück so betrachtet nun auch die gesamte HipHop-Bewegung konfrontiert und damit das Verhältnis zwischen verkaufsförderndem Image und den ursprünglichen Werten der zugrunde liegenden Philosophie kritisch ins Visier nimmt. Indem der individuelle Akteur Torch, auf der Suche nach seiner eigenen Person, Form und Inhalt des Liedes so aufbereitet, dass das Sujet eine allgemeine Dimension gewinnt, stellt das Stück nicht nur ihn selbst, sondern HipHop überhaupt in Frage.

Die erste Strophe des Lieds Wer bin ich? lässt sich in drei miteinander thematisch eng zusammenhängende Abschnitte unterteilen. Der erste Teil (Z. 10–16.) könnte vielleicht am besten mit der Überschrift ‚Informations-Part‘ betitelt werden. Die Bewertung der Informationsfunktion von Rap fällt innerhalb der besagten Verse, wie im vorherigen Teil aufgezeigt wurde, zwar durchaus ambivalent aus („Nachrichtensprecher“, „Besserwisser“), die Funktion als solche wird vom Text aber nicht in Frage gestellt. Der nächste Abschnitt (Z. 17–22.) beschreibt darauf hin unter anderem ganz konkrete Aktionen, die sich aus dieser Aufgabe ergeben („Rapper-Disser“, „Politiker-durch-die-Nase-Pisser“). Doch neben dem Benennen von Aktionen, also dem Üben von Kritik an Rap-Kollegen und Politik, beschwört der Abschnitt auch die dafür angebrachten Aktions-Instrumente: das Schreiben von Texten und Herstellen von Musik („Technics-Starttasten-Drücker“ – das Plattenspielermodell Technics SL-1200 Mk II, erschienen 1983, gilt unter Künstlern der HipHop-Szene bis dato als bestes Gerät zum Auflegen von Platten und revolutionierte die Möglichkeiten in der digitalen Herstellung von Musik, vgl. dazu z.B. Dietmar Hüser: RAPublikanische Synthese. Köln u.a.: Böhlau 2004, S. 49). Die Kunst wird ergo über das Rappen und Produzieren von Liedern zu einem Medium, das einen Bildungsauftrag besitzt und durchaus kritisch mit der eigenen Kultur sowie den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen umgehen soll. Der letzte Teil der ersten Strophe (Z. 23–26.) verdeutlicht, wie schwierig diese Aufgabe sich für das Individuum gestalten kann. Ein ‚Reflexions-Part‘ schließt sozusagen den ‚Informations-‚ sowie den ‚Aktions-Part‘ selbstkritisch ab, indem er die schiere Unmöglichkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Idealen und menschlichen Bedürfnissen anhand mehrerer Beispiele aufzeigt. Wie authentisch kann der „tägliche Täter“ Mensch, auch mit der selbst gewählten Berufung eines „lästige[n] Lehrer[s]“, überhaupt sein und bleiben, wenn er sich als „Hip Hop Hehler“ finanziell über Wasser halten muss und damit gleichzeitig über den ständig bedingten Kontakt mit dem Rampenlicht Gefahr läuft, seine einst ‚heiligen‘ Absichten zu Gunsten einer nun greifbaren attraktiv machenden Popularität, sowie einer sich daraus entwickelnden Machtposition, ‚feige zu verraten“ und somit zu einem „ignoranten Idol voller Fehler“ zu werden?

Die zweite Strophe des Stücks Wer bin ich? ist in zwei verschiedene Teile gegliedert und bringt nach der relativ allgemeinen Perspektive auf das Wesen des (Rap-)Künstlers im ersten Teil, nun zunächst eine persönlichere Sicht mit ins in Spiel. Torch bezieht hier ganz direkt einige politische Positionen („der niemals Nationalhymnen-Singer“, letzter „Überbringer von Kritik an Axel Springer“) und bekennt sich anschließend als Fan zu seinen direkten Mitstreitern (Toni L. Ramelzee, Rick Ski LSD). Die eigene Identität wird hier also auch als ein Produkt von nach außen getragenen Bekenntnisse verstanden. Der Text macht des Weiteren deutlich welche Rolle dabei die Zugehörigkeit zu einer Gruppe beziehungsweise sozialem Umfeld in Sachen Selbst- und Fremdwahrnehmung spielt. Die letzten Verse der Strophe (Z. 50–51.) verfolgen im Kontext der Leitfrage noch eine weiter Spur und sind dabei durchaus ironisch zu verstehen: „MC TORCH an der Uni nennen sie’s / Homo Hip Hop Sapiens Heidelbergensis“

Die besagten Verse repräsentieren die gesellschaftlich wohl anerkannteste Methode des ‚Fragen-Beantwortens‘, die traditionelle akademische Wissenschaft. Verdeutlicht durch die latinisierte Abstraktion („Homo Hip Hop Sapiens Heidelbergensis“), erscheint die universitäre Herangehensweise im Bezug auf das Thema des Liedes aber ohne jegliche Aussagekraft, denn mehr als einen weiteren abstrakten Begriffskomplex kann auch sie in diesem Kontext nicht bieten. Es bleibt dabei: die einzige Möglichkeit, um sich der Frage „Wer bin ich?“ anzunähern, besteht letztlich darin weiterführende Fragen aufzuwerfen.

Philipp Marquardt

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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