Aber bitte mit Whisky. Volker Lechtenbrinks „Ich mag“ als Loblied auf den Alltagskonservatismus

Volker Lechtenbrink

Ich mag

Ich mag Sonne, die mich wärmt,
wohnen, wo’s nicht lärmt,
Hunde, die noch bellen,
schöne, hohe Wellen.
Ich mag Whisky ohne Eis,
Böll, der soviel weiß,
Essen scharf gewürzt
und nichts überstürzt.
Ich mag Countrysongs und Rock,
Skat mit Ramsch und Bock,
lang spazieren gehen,
Winde, die stark wehn.

All das mag ich
und ganz doll dich.

Ich mag Breitner und sein Spiel,
Kinder mit Gefühl,
Freunde mit Verstand,
Bockwurst aus der Hand.
Ich mag Mozart, Mahler, Bach,
Skilaufen und Schach,
Pokern nächtelang,
Trennung ohne Zank.
Ich mag Zärtlichkeit und Lust,
Frauen selbstbewußt,
Lachen übern Scherz,
Omis mit viel Herz.

All das mag ich
und ganz doll dich.

Ich mag Schenken ohne Dank,
Treue ohne Zwang,
trocknen, herben Wein,
mal alleine sein.

All das mag ich
und ganz doll dich.

Ich mag Lino Ventura,
Mama und Papa,
jeden Zirkusclown,
meine Tochter, meinen Sohn.
Ich mag Quadflieg, wenn er liest,
Regen, wenn er gießt,
Sonntage im Bett,
Eisbein richtig fett.
Ich mag Bilder von Magritte,
Schwimmen ohne mit,
barfuß gehn durchs Watt,
Hamburg, meine Stadt.

All das mag ich
und ganz doll dich.

All das mag ich
und ganz doll dich.

     [Volker Lechtenbrink: Ich mag. Polydor 1981.]

Hier wird, auch wenn das Sprecher-Ich in Hamburg lebt, deutsch-provin­zielle Gemütlichkeit gefeiert, ergänzt durch einige integrierte Aspekte angloamerikanischer und europäischer Kultur. So tritt neben den urdeutschen „Skat mit Ramsch und Bock“ das „Pokern nächtelang“, neben den „trocknen, herben Wein“ der „Whisky ohne Eis“, und neben die Musik der sämtlich dem deutschsprachigen Raum entstammenden Komponisten „Mozart, Mahler, Bach“ treten „Countrysongs und Rock“. Um welche Art Rock es sich dabei handelt, wird – es sei denn, man fasst beide Musikstile als Gegensatzpaar auf, – durch die Reihung mit „Countrysongs“ deutlich: Es geht nicht um Rock als Ausdruck von Rebellion, nicht um die der Kultur der unterdrückten afroamerikanischen Bevölkerung entstammenden Blues-Elemente, sondern um die ‚weißenʻ Hillbilly-Elemente des Rock’n’Roll. Es geht demnach nicht um sexuell aufgeladene Tanzmusik, sondern um Songs, die auch noch volltrunken am Lagerfeuer zur Akustikgitarre mitgegrölt werden können. Der Exzess beschränkt sich auf das Durchmachen von Nächten (vermutlich Samstagnächten, denen dann die Sonntage im Bett folgen), die Freiheit auf das Untenrum-ohne-Schwimmen, wobei das Wortspiel „ohne mit“ die Verklemmtheit anzeigt. Ansonsten werden, ungeachtet der möglichen „Trennung ohne Zank“, Familienwerte und Lokalpatriotismus gepflegt, und werktags wird, so lässt sich ex negativo aus den im Bett verbrachten Sonntagen schließen, natürlich gearbeitet.

Politische Implikationen werden, wo sie unterstellt werden könnten, abgelehnt: So wird Paul Breitner aufgrund seines Spiels gemocht und nicht wegen seiner Rolle als Rebell, der Afro trug (worauf die Ärzte in Der Afro von Paul Breitner Bezug nehmen), mit Mao-Bibel zum Training erschien und sowohl Trainer als auch DFB-Funktionäre beschimpfte. Heinrich Böll gefällt nicht als politisch engagierter Schriftsteller, sondern – in kleinbürgerlicher Devotion – weil er über eine beeindruckende Bildung verfügt. Die Großelterngeneration wird nicht historisch als Tätergeneration während des Dritten Reichs wahrgenommen, sondern in ihrer überzeitlich stabil vorgestellten Rolle als emotional zugewandte „Omis“. Keine Relation zu gesellschaftlichen oder politischen Fragen stört die hedonistische Zufriedenheit zwischen Eisbein, Bockwurst, Zärtlichkeit und Lust mit der selbstbewussten (im Kontext wohl eher ‚nicht verklemmtenʻ als ‚emanzipiertenʻ) Frau.

Hier wird ein Idyll entworfen, das zwar zeitlich und geographisch fixiert ist, in dessen biedermeierlicher Behaglichkeit aber die Elemente, die Zeitgenossenschaft signalisieren, beliebig austauschbar sind, was sich auch daran zeigt, dass der Text, abgesehen von der Erwähnung Paul Breitners, in den 1950er Jahren hätte entstanden sein können – mit dem Unterschied, dass das Bekenntnis zu Rock zu diesem Zeitpunkt noch tendenziell progressiv gewirkt hätte. Durch das völlige Fehlen zeitgenössischer Populärkultur erhält die Aufzählung eine konservative Tendenz, der Rock wird zum ‚guten, alten, handgemachten‘ Rock im Gegensatz zum 1981 verbreiteten elektronischen Pop.

Der konservative Grundzug des Lieds wird auch im geschilderten Verhältnis zur Natur deutlich: Gegen das Zurück zum Beton von S.Y.P.H, gegen die Zerfalls- und Zerstörungsästhetik des Punk und die kalte Neonästhetik des New Wave, urbane Ästhetiken also, wird das „Wohnen, wo’s nicht lärmt“ gesetzt, gegen die gebrochene ästhetische Affirmation des Hässlichen und Künstlichen die unmittelbare sinnliche Naturerfahrung der barfüßigen Wattwanderung. Natur wird als Ort vitaler Kraft und Schönheit beschrieben: Winde sollen stark wehen, Wellen sind schön, wenn sie hoch sind, und Regen soll gießen. Übertragen auf den Bereich des Zwischenmenschlichen heißt das Heterosexualität mit dem Ergebnis der Fortpflanzung als Gegenmodell zur im Pop der 1980er Jahre demonstrativ inszenierten Homosexualität. Dabei tritt an die Stelle des romantischen Liebesideals, wie es im Rock und Pop dominiert, eine Wahrnehmung der Partnerin als einer Person, die zum eigenen Wohlbefinden in besonderem Maße beiträgt, denn sie wird gemocht wie die aufgezählten Genussmittel und Freizeitaktivitäten, nur eben „ganz doll“ – viel weiter kann sich eine Liebeserklärung kaum vom romantischen Liebesideal entfernen.

Die partielle Affirmation von Wildheit und Natürlichkeit hat hier nichts Revolutionäres, stellt keine Gegenwelt wie in Henry David Thoreaus Walden dar, sondern erschöpft sich bei näherer Betrachtung in einem konservativen reinen Gestus des Bewahrens: Am deutlichsten wird dies in der bekundeten Zuneigung zu „Hunde[n], die noch bellen“: Welche Hunde täten dies nicht bzw. nicht mehr? Die Konfrontation mit einer Kontrafaktur des Liedes von der Poppunkband Die Piddlers macht dabei die Aussagelosigkeit der Bejahung bellender Hunde besonders sichtbar, indem es hier heißt: „Ich mag Hunde, die noch beißen / und in jede Ecke scheißen“. Hier werden also Eigenschaften geschätzt, die Hunden in der Regel tatsächlich abtrainiert werden.

Aufgrund seiner einfach zu variierenden Aufzählungsstruktur hat das Lied noch weitere Kontrafakturen nach sich gezogen, u. a. von Rolf Zuckowski, dem Gotthilf Fischer des Kinderlieds. Er variierte die Strophen bezogen auf eine kindliche Lebenswelt und ließ den Refrain mit „und ganz doll mich“ enden. Tocotronic hingegen haben unter Nutzung der Strophenstruktur eine Absage an eben jene deutsche Lebenswelt, die das Original feiert, formuliert: Der Refrain ihrer auch melodisch abweichenden Version lautet: „Aber hier leben, / Nein Danke.

Die Werbeabteilung von Caro Kaffee schließlich wollte, als sie Lechtenbrink sein Lied für einen Caro Landkaffee-Werbespot in einer umgetexteten Fassung singen ließ, wohl die schon im Original identifizierbare Gemütlichkeitsästhetik zur Imagebildung nutzen:

Ich mag das Schöne dieser Welt.
Ich mag den Wind im Roggenfeld.
Ich mag es, wenn der Tag erwacht
und die Sonne dazu lacht.
Ich mag plaudern am Nachmittag,
Obstkuchen mit Schlag.
Ich mag die Lichter meiner Stadt,
diskutier’n bis in die Nacht.
Laß mich von deinem Duft verführ’n,
deine Wärme spür’n.

Dieser Text kann als Kurzfassung des ursprünglichen Liedtextes gelesen werden: Gleich in der ersten Zeile findet eine entsprechende Abstraktion statt. Anschließend geht es, dem Produkt entsprechend, um domestizierte Natur (der – wohl sanfte – „Wind im Roggenfeld“ tritt an die Stelle der „Winde, die stark wehen“), die Nächte werden nicht mehr zur Gänze genutzt, sondern es wird nur noch „bis in die Nacht“ diskutiert. Diese Bereinigung der geschilderten Lebenswelt um alle vermeintlich ‚wilden’ Elemente entstellt Lechtenbrinks Original zur Kenntlichkeit: Denn auch dieses hat ja nichts anderes als eine ‚männlich‘ codierte Version des Nachmittagskaffes entworfen.

Martin Rehfeldt

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Über deutschelieder
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One Response to Aber bitte mit Whisky. Volker Lechtenbrinks „Ich mag“ als Loblied auf den Alltagskonservatismus

  1. Lothar Hildebrand says:

    „Ich mag …“ Lange nicht mehr gehört – aber heute beim Erzählen mit meinem jüngsten Kind
    wieder drauf gekommen..Wieder gehört – und immer noch so schön wie am ersten Tag

    L.H.

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