Sven Regeners erfolgreiche Suche nach dem vollkommenen Liebeslied. Zu „Am Ende denk ich immer nur an dich“ von Element of Crime

Element of Crime

Am Ende denk ich immer nur an dich

Auf einem Spielplatz ruft ein Kind nach seiner Mutter,
damit die sieht, wie hoch das Kind schon schaukeln kann.
Und es wirft die Beine vor und hoch zum Himmel,
bis ein Schuh davonfliegt, und der landet dann
auf einem Auto, das am Straßenrand geparkt ist,
auf dessen Windschutzscheibe „Schwein“ geschrieben steht
und das, metallic-braun und glatt wie deine Haare,
genau wie du sein wahres Alter nicht verrät.

Ganz egal, woran ich gerade denke,
am Ende denk ich immer nur an dich.

Die deutsche Mutter stürzt nach vorn in heller Panik
und übersieht dabei ein Kindesbein im Sand
und schlägt lang hin, da lacht der Kindesbeinbesitzer,
der hat ein Erdbeereis in seiner rechten Hand,
das hängt bedenklich schräg nach vorn in seiner Waffel
und tropft sich selbst verschwendend auf die Haute Couture
am Leib des ganzen Stolzes seiner schönen Eltern
und wird zu Dreck dort, genau wie ich bei dir.

Ganz egal, woran ich gerade denke,
am Ende denk ich immer nur an dich.

Warum blutet Mutter aus der Nase?
Warum ist ihr Kind so dumm wie klein?
Darf ein metallic-braunes Auto denn da parken?
Und warum kann ich ohne dich nicht glücklich sein?
Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen,
bevor er endlich einmal sagt: Ich bin dafür
die böse Tat des Beine Stellens zu unterlassen?
Und darf ich irgendwann nochmal zurück zu dir?

Ganz egal, woran ich gerade denke,
am Ende denk ich immer nur an dich.

Ganz egal, woran ich gerade denke,
am Ende denk ich immer nur an dich.

     [Element of Crime: Immer da, wo du bist, bin ich nie. Universal 2009.]

Popsongtexte und Sonette haben mehr gemein, als man zunächst vermuten könnte: Beide Textsorten unterliegen relativ rigiden Regeln – zumindest wenn man vom prototypischen Text eines 2 bis 5-Minuten-Popsongs ausgeht, in dem drei, seltener vier gereimten Strophen à acht Versen jeweils ein Refrain folgt, der nach der letzten Strophe wiederholt wird. Natürlich kann diese Form in Details variiert werden, dem Refrain kann etwa eine Bridge vorgelagert sein oder die ersten zwei Strophen können ohne Refrain aufeinander folgen. Bezieht man diese Varianten ein, so dürfte dem genannten Schema das Gros aller Popsongtexte folgen (Raptexte bilden mit ihrer größeren Länge eine Ausnahme).

Eine weitere Gemeinsamkeit von Popsongtext und Sonett ist, dass sie mit dem Thema Liebe assoziiert werden. Zwar kann man über jedes Thema Sonette ebenso wie Popsongtexte schreiben, was ja auch umfassend getan worden ist; jedoch haben Lovesongs qua Verbreitung für den Popsong eine ähnlich prototypenbildende Wirkung gehabt wie Liebessonette für das Sonett. Eine Band kann so viele interessante Themen behandeln wie sie will – gemessen wird sie fast immer an ihren Liebesliedern, das gilt nicht nur für Mainstreammusiker, sondern ebenso für alternative Bands: The Sisters of Mercy hatten ihren größten Hit mit Temple of Love, The Cure mit Friday Im in Love, The Clash mit Should I Stay or Should I Go, Metallica mit Nothing Else Matters, Nick Cave and the Bad Seeds mit Where the Wild Roses Grow, Johnny Cashs erfolgreichstes Lied ist Ring of Fire, Neil Diamonds Solitary Man, Shinead O’Connors Nothing Compares to You – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Für den ästhetisch ambitionierten Popsongtextverfasser der Gegenwart heißt das ebenso wie für den regelpoetisch dichtenden poeta faber der Rennaissance und des Barock, dass er im Rahmen der gewählten Textsorte schon zigfach Gesagtes neu ausdrücken muss – wobei für den Verfasser eines Popliebesliedes noch erschwerend hinzu kommt, dass der Text als authentischer Ausdruck von Gefühlen erscheinen soll, dass also rhetorische Rafinesse, die in Barocksonetten oft gerade ausgestellt wird, dem Hörer nicht bewusst werden soll. Denn der Mythos Rock’n’Roll beinhaltet als zentrales Element Authentizität, ein Kriterium, dass vor der Etablierung des Geniekonzepts im Sturm und Drang noch keine wichtige Rolle für die Produktion und rezeption literarischer Texte gespielt hat.

Für den deutschsprachigen Songtexter stellt sich damit konkret die Frage: Wie komme ich an Matthias Reims Verdammt, ich lieb dich vorbei? Denn der Refrain dieses zwischen Schlager und Pop verortbaren Stücks formuliert scheinbar letztgültig, wovon ein Popsongtext handeln soll: Vom Konflikt zwischen den beiden großen Mythen des Rock, zwischen Liebe und Freiheitsdrang, zwischen Love Me, Tender und Born to be wild:

Verdammt, ich lieb dich.
Ich lieb dich nicht.
Verdammt, ich brauch dich.
Ich brauch dich nicht.
Verdammt, ich will dich.
Ich will dich nicht.
Ich will dich nicht verlieren.

Beim Versuch, diese Gefühle neu zu beschreiben, gilt es, nicht nur nach Synonymen zu suchen oder neue Variationen des ungebrochen beliebten Vergleichsschemas „Ich liebe/brauche dich wie…“ oder neue „Du bist mein…“-Metaphern zu finden. Vielmehr muss, und das ist die eigentliche Schwierigkeit, ein tragfähiges rhetorisches Muster gefunden werden, wie es der Refrain von Verdammt, ich lieb dich in der Umkehrung des „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht“-Abzählverses auweist, die in der Pointe mündet, dass „will“ zunächst als Vollverb und dann als Modalverb gebraucht wird („Ich will dich nicht. / Ich will dich nicht verlieren.“).

Reims Text zeigt darüber hinaus auch ein weiteres Problem des Popliebesliedes: Neben dem kurzen und emotionalen Refrain müssen auch noch mehrere längere Strophen gefüllt werden, was häufig durch das Erzählen des Kennenlernens, Werbens, Zusammenlebens, der Trennungsgründe oder der Einsamkeit nach der Trennung geschieht. Da – anders als im häufig exotische Schauplätze nutzenden Schlager – die meisten dieser Geschichten in ähnlichen Milieus angesiedelt sind (dies entspricht der Authentizitätsforderung), besteht die Gefahr, Stereotypen zu reproduzieren („Sieben Bier, zuviel geraucht, / das ist es, was ein Mann so braucht.“).

Ein Meister darin, von den entlegensten Textideen ausgehend zur Liebeserklärung zu kommen, ist Sven Regener, der Sänger und Texter von Element of Crime. Seit nunmehr acht Alben veröffentlicht die Band vornehmlich Liebeslieder, ohne sich oder andere zu wiederholen. Ein besonders schönes Beispiel für die rhetorische Innovativität der formal und thematisch konventionellen Songs ist Am Ende denk ich immer nur an dich.

In den Strophen werden in Hypotaxenkaskaden verschiedene Alltagsszenarien, die von außen betrachtet nichts mit dem Sprecher-Ich und seiner Beziehung zur Angesungenen zu tun haben, entworfen, von denen ausgehend das Sprecher-Ich aber assoziativ doch immer wieder dorthin kommt. Der Refrain benennt dann das Muster, das den in den Strophen wiedergegebenen Gedankengängen zugrunde liegt: „Ganz egal, woran ich gerade denke, / am Ende denk ich immer nur an dich.“ Damit fallen Liebeserklärung und poetologische Reflexion in eins. Die rhetorische Leistungsfähigkeit dieses Schemas liegt darin, dass, je konstruierter der Weg von der Alltagsbeobachtung zur Liebe ist, desto deutlicher wird, wie stark die Gedanken des Sprecher-Ichs um die geliebte Person kreisen – so wird gerade die Artifizialität zum Ausweis der Authentizität.

In der dritten Stophe treten an die Stelle der Beschreibungen aus den ersten beiden Strophen Fragen, die sich aus dem Beschriebenen ergeben. Dabei wird en passant mit Bob Dylans Blowin‘ in the Wind der wohl lagerfeueraffinste Protestsong, also der Prototyp einer Songtradition, die gerade nicht das Private, sondern das Gesellschaftliche zum Thema hat, parodiert: „Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch Essen, / bevor er endlich einmal sagt: Ich bin dafür / die böse Tat des Beine Stellens zu unterlassen?“ Dieser hier an einem eher abwegigen Beispiel konkretisierten Frage nach den Möglichkeiten, das Böse in der Welt zu überwinden, der Grundfrage des Protestsongs, folgt die Grundfrage des Liebeslieds als einzige wirklich wichtige: „Und darf ich irgendwann nochmal zurück zu dir?“ So stellt Am Ende denk ich immer nur an dich nicht nur ein Bekenntnis zur Liebe dar, sondern auch eines zum Liebeslied.

Martin Rehfeldt, Bamberg

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

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