Karneval in München. Gedanken zu „Sommer in der Stadt“ von Spider Murphy Gang

Spider Murphy Gang

Sommer in der Stadt

I renn nackert durchn Englischn Gartn
Sitz high aufm Monopteros
I kauf ma a Maß am Chinesischn Turm
Und flanier mit Dir auf da Leopoldstraß´

I schlürf an Eiskaffee im Rialto
Und schau de junga Hasn noch
I glaub mei Chef muaß heit auf mi verzichtn
Ja i lieg vui liaber mit Dir im Gras

S' wieder Sommer
S' wieder Sommer
S' wieder Sommer
Sommer in der Stadt

I renn zur Gaudi durchn Brunna am Stachus
Geh durch d´Fuaßgängerzone patschnaß
I schau ma japanische Touristn o
Beim Glocknspui aufm Marienplatz

I fahr zum Badn mitn Radl an d´Isar
Lieg auf de Kieslstoana am Strand
I sitz im Biergartn drauß in da Woidwirtschaft
Und lösch mit a Maß mein Sonnabrand

S' wieder Sommer
S' wieder Sommer
S' wieder Sommer
Sommer in der Stadt

I renn nackert durchn Englischn Gartn
Sitz high aufm Monopteros
I glaub mei Chef muaß heit auf mi verzichtn
Ja i lieg vui liaber mit Dir im Gras

S' wieder Sommer
S' wieder Sommer
S' wieder Sommer
Sommer in der Stadt

     [Spider Murphy Gang: Tutti Frutti. Elektrola 1982.]

Sommerhitze scheint persönlichkeitsverändernde Wirkung zu haben. Der Liedtext Sommer in der Stadt von der Spider Murphy Gang legt dies zumindest nahe. Glaubt man den Schilderungen darin, dann ist im Chronotopos, im Zeit-Raum, Sommerstadt erlaubt, was bei niedrigeren Temperaturen wohl als Hippieaufstand verurteilt würde. Da aber wieder einmal Sommer in der Stadt ist, ist mit der fröhlichen Anarchie keinerlei Tadel verbunden. Im Gegenteil: Das Geschilderte fügt sich harmonisch ins Stadtbild.

Gleich zu Beginn stellt sich das Sprecher-Ich als Anhänger der Freikörperkultur dar, denn es „renn[t] nackert durchn Englischn Gartn“. Ob das Ich sich für seine weiteren Aktivitäten bekleidet, geht nicht aus dem Text hervor. Ebenso wenig wird eine Reaktion seitens Passanten oder ordnungsschaffender Autoritäten erwähnt. Entweder nimmt der berauschte Egozentriker dies einfach nicht wahr oder im sommerlichen Stadtbild erregt sein Verhalten keine besondere Aufmerksamkeit. Es gehört dazu wie die besungenen Münchner Attraktionen (z.B. „Monopteros“, „Chinesischer Turm“, „Marienplatz“). Für die zweite Vermutung spricht, dass bei dem auffälligen Verhalten des Sprechers früher oder später eine Instanz eingreifen müsste. Würden die Ordnungssysteme einer Stadt regulär greifen, müsste ein „high auf dem Monopteros“ sitzender Nackter schon aus der entstehenden Gefahr für sein Leben den Beschützerinstinkt von Passanten hervorrufen und zum Eingreifen der Polizei führen. Selbst wenn sich „high“ als Wortspiel lediglich auf die Sitzhöhe („hochobensitzen“) und nicht zwangsläufig auf vorherigen Drogenkonsum bezieht – das Verhalten des Sprecher-Ichs bleibt auffällig und die gesellschaftlichen Autoritäten auffällig unauffällig.

Im Allgemeinen reagiert das Sprecher-Ich in seinem Sommerhoch gleichgültig gegenüber Autoritäten: „I glaub mei Chef muaß heit auf mi verzichtn / Ja i lieg vui liaber mit Dir im Gras.“ Diese Aussage lässt darauf schließen, dass der Sprecher sich sonst durchaus an Regeln hält, denn sein Vorgesetzter muss nur „heit“ auf ihn (sie) verzichten. Es handelt sich also um eine Ausnahmesituation. Anstatt zu Arbeiten erfreut sich das Sommer-Ich weiter am Konsum von „Rauschmitteln“: „Und lösch mit a Maß mein Sonnabrand“. Hier gerät dann auch die Sprache aus der eindeutig grammatisch-semantischen Ordnung. Das zeugmaähnliche Wortspiel um das metaphorische „Brandlöschen“ unterstreicht die heitere Indifferenz.

Für das nicht regelkonforme Verhalten und den Umstand, dass es offenbar toleriert wird, muss das Räumlich-Zeitliche relevant sein. Denn immer wieder betont das Sprecher-Ich im Refrain mit einem verknappten Satz: „S’ wieder Sommer […] in der Stadt“. Dieser Satz wirkt wie eine Absolution erteilende Zauberformel und scheint jegliches Benehmen zu entschuldigen.

Beide Komponenten des Kompositums Stadtsommer sind also für das Ausnahme-Verhalten entscheidend. In freier Natur oder im Winter wäre das Verhalten weitgehend unspektakulär oder schlicht nicht möglich; auch in einer Winterstadt oder während eines Landssommers sähe das Verhalten wohl anders aus. Erst die Verschränkung von Ort und (Jahres-)Zeit, der Chronotopos, bietet die Rahmenbedingung, um im Lied sommerliche Leichtigkeit und schwül-warme Unaufgeregtheit zu inszenieren.

Im Vergleich mit dem Schlager selben Titels von Wolfgang Petry wird dies besonders deutlich, nutzt dieser doch den Chronotopos lediglich als beliebig variierbare Kulisse, als Effekt. Der Sommer dient in den ersten zwei Zeilen seines Lieds als Pseudonatureinstieg. Für den folgenden Inhalt allerdings ist er bedeutungslos. Petrys urbane Einsamkeitsphantasie im Truckersytle sähe im Winter bei Minusgraden vermutlich nicht sonderlich anders aus. Im Falle der Spider Murphy Gang aber führt das Flair einer Stadt im Sommer zu einer Umkehrung des manchmal bieder-tristen Alltags und zu einer erhöhten Körperlichkeit. Das Sprecher-Ich ist nicht nur nackt, sondern läuft „durch d´Fuaßgängerzone patschnaß“ und schaut unverhohlen „de junga Hasn noch“.

Ähnliches lässt sich für die englische Variante des Motivs der Sommerstadt feststellen. Schon 1966 besingen The Lovin’ Spoonful mit Summer in the City den schmutzig-schmierigen („dirty and gritty“) Zauber einer Stadt im Sommer. Zudem wird dieser Zeitraum hier noch weiter eingegrenzt: Die Stadtsommernacht („But at night it’s a different world“) lockt, wenn die Temperaturen äußerlich etwas abkühlen („cool evening“), die Gemüter aber nach wie vor erhitzt sind, und trotz der stehenden Hitze in Clubs und Bars die Nacht hindurch getanzt wird („and dance all night / despite the heat“).

Mit dieser Verkehrung der Verhältnisse und der erhöhten Fokussierung auf das Körperliche stehen die Lieder damit in der Tradition des Karnevalismus, mit der der russische Kulturkritiker Michail Bachtin solch eine kurzzeitige Aufhebung von gewohnten Ordnungsmustern bezeichnet. Die Tradition der Karnevalvisierung reicht vom mittelalterlich-frühneuzeitlichen Fastnachtsspiel bis zu Walpurgisnacht-Szenen in Goethes Faust und Thomas Manns Der Zauberberg. Für Sommer in der Stadt allerdings ist eine karnevaleske Maskierung als legitimierender Verkehrungsindikator nicht mehr nötig. Die Stadt im Gewand des Sommers reicht als ‚Deckung‘ aus und ersetzt somit in der zersiedelten Welt möglicherweise die ritualisierte Freizügigkeit volkstümlicher Festtraditionen.

Florian Seubert

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“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

2 Responses to Karneval in München. Gedanken zu „Sommer in der Stadt“ von Spider Murphy Gang

  1. Lieber Florian Seubert,
    selten hab ich so geschmunzelt, Deine Gedanken zu Sommer in der Stadt entsprechen genau dem Lebensgefühl den der Text erzählen will. Als Post-Hippi bewundere ich Deinen Humor und Spracheleganz, lass „Sommer in der Stadt“ einfach als eine kleine Hymne an München stehen.
    Aber, auf was für Gedanken manche kommen……
    ganz liebe Grüße
    Barney Murphy

  2. Pingback: Die rote Sonne von Irgendwo. Das Genre des Sommerhits in seinen verschiedenen Stadien – von Die Flippers: “Die Rote Sonne von Barbados” zu Helge Schneider: “Sommer, Sonne, Kaktus” Teil I | Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie

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