Zur Unmöglichkeit deutschsprachiger Rockmusik oder Warum es dieses Blog eigentlich nicht geben dürfte – Tocotronic: „Über Sex kann man nur auf Englisch singen“

Tocotronic

Über Sex kann man nur auf Englisch singen

Über Sex kann man nur auf Englisch singen
Allzu leicht kann’s im Deutschen peinlich klingen
Und doch gibt’s ein Verlangen zu beschreiben
Den Teufel mit dem Beelzebub vertreiben

Und ihr wißt, ich rede von bestimmten Dingen
Über Sex kann man nur auf Englisch singen

Über Frauen kann man schlecht im Deutschen fluchen
Man sollte es nicht versuchen
Und doch, wenn man sucht, was man begehrt
Dann wird das Suchen fluchenswert

Und ihr wißt, ich rede von bestimmten Dingen
Über Sex kann man nur auf Englisch singen

Über Sehnsucht kann man nur schlechte Lieder schreiben
Man neigt doch sehr dazu zu übertreiben
Und doch, man tut es ungefähr
Mit jedem Lied ein bißchen mehr

Und ihr wißt, ich rede von bestimmten Dingen
Über Sex kann man nur auf Englisch singen

Und ihr wißt, ich rede von bestimmten Dingen
Über Sex kann man nur auf Englisch singen

     [Tocotronic: Digital ist besser. L'Age d'Or 1995.]

Dass über Sex im Deutschen nicht gesungen werden kann, bedeutet mehr als den Wegfall eines Themas neben anderen, denn Sex ist das zentrale Thema des Rock, mit dem er von Beginn an bereits über seinen Namen verbunden ist (umgangssprachlich bezeichnete „to rock“ einerseits tanzen, andererseits den Vollzug des Geschlechtsakts). Zur Zeit der Etablierung von Rock’n’Roll war dieser als Tanzmusik sexuell aufgeladen und damit im sexualmoralisch restriktiven Milieu der USA der 1950er Jahre schon materialästhetisch rebellisch. Die in dieser historischen Situation entstandene Vorstellung einer Verbindung der Elemente Musik, Sex und Rebellion bildet bis heute einen zentralen Bestandteil des modernen Mythos Rock’n’Roll. Nachdem die Musik als solche nicht mehr massiv anstößig wirkte, verlagerte sich die sexuelle Provokation noch stärker als zu Beginn auf den textlichen Bereich – man denke etwa an „I can’t get no Satisfaction„, das natürlich auch als Kampfansage an eine lustfeindliche Gesellschaft verstanden wurde.

Über Sex nicht auf deutsch singen zu können, heißt also, dass deutschsprachiger Rock nicht möglich ist. Dies illustriert auch gleich die vierte Zeile des Textes. In der deutschen Redensart „Den Teufel mit Beelzebub vertreiben“, die die Bekämpfung eines Übels mit einem anderen beschreibt, ist der Teufel negativ konnotiert, wogegen er im Rock als Urrebell eine affirmierte Figur ist, auch außerhalb dezidiert mit satanistischer Symbolik spielender oder diese ernsthaft verwendender Szenen wie der Black Metal-Szene, – man denke an Sympathy for the Devil, an „I am the God of Hell Fire“ oder an das auf Rockkonzerten häufig gezeigte Zeichen des gestreckten Zeige- und kleinen Fingers als Darstellung der Teufelshörner. Es ist die deutsche Sprache, die für das, was das Sprecher-Ich ausdrücken möchte, ein rockinkompatibles Bild liefert.

Das mit dieser Redewendung beschriebene Dilemma ergibt sich aus der vorangegangenen Zeile: „Und doch gibt’s ein Verlangen zu beschreiben“. Diese Formulierung kann sowohl bedeuten, dass es ein Verlangen gibt, das beschrieben werden soll, als auch, dass ein Verlangen existiert, das sich darauf richtet zu beschreiben. Diese Mehrdeutigkeit kann als Hinweis darauf interpretiert werden, dass das Sprecher-Ich zwischen Unmittelbarkeit und Mittel­barkeit nicht unterscheiden kann: Ihm ist unklar, ob zuerst das (erotische) Verlangen da ist, das es dann beschreiben möchte, oder der Wunsch, etwas zu beschreiben, wofür ein zu beschreibendes Objekt vonnöten ist. Darin kommt die Unsicherheit des Sprecher-Ichs darüber zum Ausdruck, ob die eigenen Empfindungen, die immer schon vor der Folie ihrer Beschreibung im Rock’n’Roll erlebt werden, authentisch sind oder dem Bedürfnis geschuldet, Rocksongs zu schreiben, wozu eben jene Empfin­dungen nötig sind.

Der Refrain nimmt dann zunächst mit der Ansprache mehrerer Adres­saten die Kommunikationssituation des Rocksängers auf der Bühne auf. Dass das Sprecher-Ich annimmt, das Publikum wisse, wovon die Rede sei, kann darauf bezogen werden, dass es mit der Rocktradition vertraut ist und weiß, von welchen Dingen im Rock auch gesprochen wird, wenn über Sex gesungen wird: „Talking ’bout my generation“, „Talking ’bout a revo­lu­tion“.

Auch die zweite Strophe lässt sich auf die Problematik des Erwachsenwerdens und Lebens vor der Folie von Rock’n’Roll beziehen und schließt an das „Und doch gibt’s ein Verlangen zu beschreiben“ der ersten Strophe an. Die Formulierung „wenn man sucht, was man begehrt“ lässt offen, ob bereits bewusst ist, was man begehrt und dieses nun gesucht wird, oder ob erst herausgefunden werden muss, was man überhaupt begehrt, weil eben das Begehren als solches – vermittelt durch den Mythos Rock’n’Roll – vorgegeben ist.

Dass es unmöglich ist, sich solchen Vorgaben des Mythos Rock’n’Roll zu entziehen, zumindest als Rocksongtextautor, zeigt dann die Beobachtung des Sprecher-Ichs in der dritten Strophe: Ungeachtet seines Wissens, dass sich Sehnsucht nicht als Thema für Songtexte eignet, erweisen sich die internalisierten Gattungskonventionen als stärker und es kann nicht umhin, dem Genre Rocksongtext gemäß über seine Gefühle zu schreiben. Auch hier ist die Problematik mit der deutschen Sprache verbunden, handelt es sich doch bei „Sehnsucht“ um einen nicht adäquat übersetzbaren Begriff, gewissermaßen um ein spezifisch deutsches Gefühlskonzept, über das sich roman­tische Kunstlieder, aber eben keine Rocksongs schreiben lassen.

Martin Rehfeldt, Bamberg

Diese Interpretation erschien zuerst als Teil folgenden Aufsatzes: Von Lyrics zu Lyrik. Möglichkeiten und Konsequenzen einer Gattungstransformation am Beispiel von Dirk von Lowzows Lyrikband „Dekade 1993-2007“. In: Transitträume. Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur Hg. v. Andrea Bartl unter Mitarbeit v. Hanna Viktoria Becker. Augsburg: Weidler 2009 (Germanistik und Gegenwartsliteratur 4), S. 149-189.

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Über deutschelieder
“Deutsche Lieder” ist eine Online-Anthologie von Liedtextinterpretationen. Liedtexte sind die heute wohl meistrezipierte Form von Lyrik, aber zugleich eine in der Literaturwissenschaft vergleichsweise wenig beachtete. Die Gründe für dieses Missverhältnis reichen von Vorurteilen gegenüber vermeintlich nicht interpretationsbedürftiger Popkultur über grundsätzliche Bedenken, einen Songtext isoliert von der Musik zu untersuchen, die Schwierigkeit, eine editorischen Ansprüchen genügende Textfassung zu erstellen, bis zur Problematik, dass, anders als bei Gedichten, bislang kaum ein Korpus von Texten gebildet worden ist, deren Interpretation interessant erscheint. Solchen Einwänden und Schwierigkeiten soll auf diesem Blog praktisch begegnet werden: indem erprobt wird, was Interpretationen von Songtexten leisten können, ob sie auch ohne Einbeziehung der Musik möglich sind oder wie eine solche Einbeziehung stattfinden kann, indem Textfassungen zur Verfügung gestellt werden und im Laufe des Projekts ein Textkorpus entsteht, wenn viele verschiedene Beiträgerinnen und Beiträger ihnen interessant erscheinende Texte vorstellen. Ziel dieses Blogs ist es nicht nur, auf Songtexte als möglichen Forschungsgegenstand aufmerksam zu machen und exemplarisch Zugangsweisen zu erproben, sondern auch das umfangreiche Wissen von Fans zugänglich zu machen, das bislang häufig gar nicht oder nur in Fanforenbeiträgen publiziert wird und damit für die Forschungscommunity ebenso wie für eine breite Öffentlichkeit kaum auffindbar ist. Entsprechend sind nicht nur (angehende) Literaturwissenschaftler, sondern auch Fans, Sammler und alle anderen Interessierten eingeladen, Beiträge einzusenden. Dabei muss es sich nicht um Interpretationen im engeren Sinne handeln, willkommen sind beispielsweise ebenso Beiträge zur Rezeptions- oder Entstehungsgeschichte eines Songs. Denn gerade die Verschiedenheit der Beiträge kann den Reiz einer solchen Anthologie ausmachen. Bei den Interpretationen kann es schon angesichts ihrer relativen Kürze nicht darum gehen, einen Text ‘erschöpfend’ auszuinterpretieren; jede vorgestellte Lesart stellt nur einen möglichen Zugang zu einem Text dar und kann zur Weiterentwicklung der skizzierten Überlegungen ebenso anregen wie zum Widerspruch oder zu Ergänzungen. Entsprechend soll dieses Blog nicht zuletzt ein Ort sein, an dem über Liedtexte diskutiert wird – deshalb freuen wir uns über Kommentare ebenso wie über neue Beiträge. Jeden Montag wird ein neuer Text veröffentlicht.

One Response to Zur Unmöglichkeit deutschsprachiger Rockmusik oder Warum es dieses Blog eigentlich nicht geben dürfte – Tocotronic: „Über Sex kann man nur auf Englisch singen“

  1. Lieber Martin,

    gut, dass es den Blog trotzdem gibt;) Ich bin erst ganz kürzlich drauf gestoßen und hatte noch nicht die Muße, mich wirklich damit zu beschäftigen. Aber bald ist ja Weihnachten…

    Herzlichen Gruß!
    Michael

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