Karnevalsschlager, Kult und Droge: Das „Humba-Täterä“ von Toni Hämmerle, Ernst Neger und Lukas Podolski
20. Februar 2012 4 Kommentare
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Ernst Neger (Text: Toni Hämmerle)
Das Humbta-Tätärä
Man hört so oft, die Blasmusik ist heut nicht mehr modern,
Und trotzdem hört man sie halt immer wieder gern;
Denn überall, wo Blechmusik erklingt, ihr lieben Leut,
Ja da herrscht Jubel‚ Trubel, Heiterkeit.
Ja da geht’s humbta humbta humbta tätäerä tätärä tätärä,
Ja da geht’s humbta humbta humbta tätärä tätärä tätärä,
Dann ruft der ganze Saal: Dasselbe noch einmal!
Ja da geht’s [...]
Und schießt bei uns der Sportverein am Sonntag mal ein Tor,
Steht alles auf dem Kopf, denn das kommt selten vor.
Dann geht es mit Hipp-Hipp-Hurra ins Dorf vom Fußballplatz
Und im Vereinslokal gibt’s dann Rabatz.
Ja da geht’s [...]
Und find’ bei uns ein Umzug statt, dann stehn am Straßenrand
Die Leute aus der Stadt und auch die Leut vom Land.
Kommt die Kapelle anmarschiert, im Rhythmus und im Takt,
Ihr glaubt ja nicht, wie das gleich jeden packt.
Ja da geht’s [...]
Ja da geht’s [...]
[Ernst Neger: Das Humbta-Tätärä. Ariola 1964.
Das "t" aus "Humbta" ist im Laufe der Jahre beim Singen und schließlich auch in
der Schreibung weggefallen. Ebenso wurde das zweite "ä" durch ein "e" ersetzt.]
Eine weniger ekstatische, aber mit allen Originalstrophen gesungene
Fassung aus dem Jahr 2010 findet sich hier.
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1964 wurde Nikita Chruschtschow als sowjetischer Regierungschef gestürzt, Lyndon B. Johnson als amerikanischer Präsident im Amt bestätigt. Amerika erlebte sein stärkstes Erdbeben und stieg offiziell in den Vietnamkrieg ein. Bei den englischen Unterhauswahlen siegte Labour. Die Volksrepublik China unternahm ihren ersten unterirdischen Atombombenversuch, Nelson Mandela wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und Westdeutschland änderte seine Straßenverkehrsordnung, damit hinfort die Fußgänger auf den Zebrastreifen Vorrang hätten. Der Tunnel unter dem Großen Sankt Bernhard wurde eröffnet und der 1. FC Köln deutscher Fußballmeister.
Ferner vermerkt der Chronist für den Kultursektor, dass 1964 die Kleine Meerjungfrau von Vandalen heimgesucht wurde, Sergio Leone seinen Spaghetti-Western Für eine Handvoll Dollar drehte und die Rolling Stones ihre erste LP herausbrachten. Auf dem internationalen Parkett des Musikgeschäfts platzierte Millie Small mit My Boy Lollipop den ersten kommerziellen Ska-Titel, daneben verkauften sich Hang on Sloopy und Don’t Let Me Be Misunderstood millionenfach, Louis Armstrong führte Hello, Dolly! in die Charts und Shirley Bassey feierte Triumphe mit Goldfinger. Im gleichen Jahr schenkte ein „eschter Meenzer Bub“ der Welt – oder wenigstens ihrem närrischen Teil – den größten Karnevalsschlager aller Zeiten: Das Humba-Täterä.
Mir ist bekannt, dass das Publikum der südwestdeutschen Fernseh- und Rundfunksender bei einer Umfrage 2009 Humba Täterä vorgeblich nur auf den dritten Platz der „111 größten Fastnachthits“ aller Zeit gewählt hat (gewonnen hat bei dieser weder für Deutschland repräsentativen noch notariell abgesicherten Erhebung übrigens Heile, heile Gänsje), doch kann das meine Überzeugung nicht erschüttern, dass dem Humba ein für alle Mal die Krone der karnevalistischen Brüller gebührt – schließlich war ich televisionärer Augenzeuge jener legendären Prunksitzung im Kurfürstlichen Schloss zu Mainz, als das Humba des blinden Komponisten Toni Hämmerle (1914-1968) in der Interpretation eines singenden Dachdeckermeisters namens Ernst Neger (1909-1989) das strenge Ritual der Fernsehsendung Mainz wie es singt und lacht aufmischte (die Sendung überzog den Zeitplan damals – und wir befinden uns 1964 immer noch in den zwangsneurotischen Strukturen bundesdeutscher Nachkriegswirklichkeit – um eine geschlagene Stunde!), den Saal mit seinem vornehmen und prominenten Publikum in ein Tollhaus verwandelte und dabei im Grunde genau das leistete, worum es bei der Narretei zutiefst geht: die ,Entfesselung’ von Menschen, die rigorosen Normen unterworfen sind. Seit 1955 hatte der Südwestfunk eine Gemeinschaftssitzung der Karnevalsclubs MCC und MCV stets am Freitag vor dem Rosenmontag übertragen; 1965 kopierte das ZDF dieses Format als Mainz bleibt Mainz mit anderen Vereinen mehr oder minder erfolgreich, bis man 1973 beide Sendungen zusammenlegte und seitdem abwechselnd bei der ARD bzw. im ZDF unter der neuen Markenbezeichnung Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht ausstrahlte.
Beim Karnevalslied handelt es sich um eine urdeutsche Domäne, die von ausländischen Einflüssen weitgehend unberührt geblieben ist (vgl. dazu Norbert Linke: Karnevalsschlager. In: Schlager in Deutschland. Hg. v. Siegmund Helms. Wiesbaden: Breitkopf & Härtel 1972, S. 109-119). Ihm kommt es vor allem darauf an, das Saalpublikum einer Fastnachtssitzung zu aktivieren, d.h. zum Schunkeln, Tanzen und Mitsingen zu bewegen – kurz: in „Stimmung“ zu versetzen. Ein entsprechend disponiertes Publikum empfindet und agiert kollektiv, gleich ob im Lied sentimentale, ausgelassene oder kritische Töne angeschlagen werden. Voraussetzungen für solche Reaktionen sind eingängige Melodien und einfach zu memorierende Texte, speziell im Refrain. Im Prinzip sollte dieser bereits nach einmaligem Hören mitgesungen werden können. Das Humba-Täterä erfüllt diese Kriterien perfekt, darüber hinaus erinnert sein Refrain an kindliche Wortspiele, die auf eine komische Art und Weise Geräusche nachahmen oder unsinnige Lautketten erzeugen; das Humba verlockt dergestalt zur Regression in kindlich-alberne Verhaltensweisen (vgl. zu entsprechenden Affinitäten karnevalistischen Treibens Wolfgang Oelsner und Rainer Rudolph: Karneval ohne Maske. Köln: Greven 1987).
Wie ich an anderer Stelle gezeigt habe (Der Zwerg reinigt die Kittel. Das Alberne als ästhetische Kategorie. In: Literatur und Ästhetik. Texte von und für Heinz Gockel. Hg. v. Julia Schöll. Würzburg: Königshausen & Neumann 2008, S. 67-74), fungiert das Alberne heute eskapistisch als Fluchtvehikel in eine simulierte Prä-Adoleszenz im Kontext einer ansonsten durchrationalisierten Gesellschaft. Es unterscheidet sich von anderen Formen der Lachkultur wie der Satire, Karikatur oder dem Spott durch fehlende Aggressivität und ,Zielgerichtetheit“, bietet dadurch aber auch staatlichen bzw. kulturellen Machtinstanzen kaum Ansatzpunkte für harte Gegenmaßnahmen. So entzieht es sich den Alltagsroutinen ,nützlicher’ Verrichtungen, die es qua Existenz subversiv unterläuft und mehr oder weniger irritiert. Will man sich als ernsthafter Bürger von herumalbernden Zeitgenossen (die zum Beispiel ununterbrochen „humba humba täterä“ tönen) partout nicht anstecken lassen, kann man darauf unwirsch reagieren; weitergehende Maßnahmen wären unangemessen und würden einen selber nur allzu leicht ,albern’ aussehen lassen.
Bemerkenswert am Humba-Täterä ist neben seinem Refrain der Fußballbezug in der zweiten Textstrophe. Vermutlich hat dieser Umstand dem Schlager – um einige kleine Neuerungen erweitert („Gebt mir ein H!“ etc. – vgl. etwa die Fassung von Tim Toupet, deren Strophe die Verbreitung des Lieds reflektiert) – Kultstatus in deutschen Fußballstadien verschafft. So dient das Humba Täterä u.a. den Ultras von Mainz 05 schon seit 1995 als Schlachtgesang, und spätestens seit Lukas Podolskis legendärem Auftritt bei der Europameisterschaft 2008 dürfte das ursprünglich „Meenzer Liedsche“ auch in der kölschen Seele angekommen sein.
Bislang ist noch unerforscht, inwieweit Ernst Negers grandioser Fastnachtsschlager den Lauf der Weltgeschichte beeinflusst hat, der bekanntlich schon vom Flügelschlag eines Schmetterlings manipuliert wird. Hätten die Genossen im Kreml auch ohne das Humba den Mumm besessen, Chruschtschow zu stürzen? Wackelte 1964 in Amerika die Erde, weil die Mainzer Narren im Kurfürstlichen Schloss so lange toben durften? Sperrte man Mandela ein, bevor er mit Hilfe von deutschen Karnevalsschlagern die südafrikanischen Rassengesetze sabotieren konnte? Und klingen die frühen Stones nicht doch ziemlich nach Humba-Täterä?
Hans-Peter Ecker, Bamberg
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Ich möchte nur eine Frage loswerden, die sich mir während des Lesens aufgedrängt hat: Die Ähnlichkeit zwischen dem Titel des Karnevalschlagers “Humpa-Täterä” und dem Namen der Musikrichtung “Humppa” mag rein zufällig sein, aber halten sie es für möglich, dass Ernst Neger hier bewusst den “finnischen Foxtrott” zitiert? Rhythmik, Instrumentierung und onomatopoetische Benennung liefern zumindest Raum für Spekulationen, oder?
Zur Schnellinformation: http://de.wikipedia.org/wiki/Humppa
Mir persönlich war völlig unbekannt, dass es eine Musikrichtung “Humppa” gibt; so sagt mir zwar “finnischer Tango” etwas, nicht aber “finnischer Foxtrott”. Auch bei meinen Recherchen zum Karnevalsschlager “Humba Täterä” ist mir nichts in dieser Richtung bekannt geworden. Da Hämmerle/Neger meines Wissens keine musikwissenschaftlichen Ambitionen hatten, glaube ich auch nicht, dass ihnen ein solches Vorbild vorgeschwebt haben könnte. Den Refrain ihres Schlagers deute ich ganz schlicht als lautmalerische Imitation von Blasmusik; vielleicht sehe ich das hier zu naiv, kenne aber wirklich keinerlei Ansatzpunkte für weitergehende Überlegungen.
Nachtrag: Wie zu erwarten sieht man im Westen Deutschlands die Hitliste der Karnevalsschlager etwas anders: http://www.wdr.de/tv/diebesten/sendungsbeitraege/2011/0213/karnevalslieder_abstimmung.jsp. Aber dass das Humba hier nicht einmal unter den 50 beliebtesten einschlägigen Titeln auftaucht, hat mich dann doch überrascht.